Wie Raumpioniere Dörfer zum Blühen bringen

In Bad Alexandersbad in Oberfranken, kurz vor der tschechischen Grenze, beträgt das Durchschnittsalter der Einwohner 57 Jahre. Für die Region prognostiziert die Landesregierung in den nächsten 10 Jahren einen Bevölkerungsrückgang von 5 -10 Prozent. Die Folge:  Ortskerne verwaisen. Um trotzdem noch Investoren und junge Familien anzulocken, werden immer mehr Neubaugebiete ausgewiesen. Die gewachsene Dorfstruktur verschwindet.
Wie man diesen Problemen entgegenwirken kann, sollte die Tagung „Landgemeinden im Aufbruch“  im Frühjahr 2016 zeigen. Im Zentrum der Tagung standen sogenannte „Raumpioniere“ aus Oberfranken und der Oberpfalz. Das sind Bürger, die sich in Eigeninitiative und ehrenamtlich für eine lebenswerte Neugestaltung ländlicher Gemeinden einsetzen. Auch die Schweisfurth Stiftung  unterstützt solche Raumpioniere, beispielsweise im Rahmen des Projekts DorV UG.

Lernen von Raumpionieren
Anliegen der Veranstaltung „Landgemeinden im Aufbruch“: Entscheider aus Verwaltung, Politik und Wirtschaft mit  den Raumpionieren zusammenzubringen. Dazu hatten die ökologische Akademie und das Zentrum für nachhaltige Kommunalentwicklung nach Bad Alexandersbad geladen. Hier wurden zahlreiche Praxisbeispiele für eine Wiederbelebung dörflicher Strukturen vorgestellt.

Ein experimenteller Dorfladen in Oberfranken
Ein von Raumpionieren ins Leben gerufenes Projekt ist beispielsweise Dola, der Dorfladen in Thierstein, einer Gemeinde mit 1100 Einwohnern im oberfränkischen. Das Dorf hat schon seit Jahren keinen Lebensmitteleinzelhändler mehr vor Ort – bei der Einwohnerzahl rentiert sich ein klassischer Laden einfach nicht. Deshalb  finanziert sich der neue Dorfladen durch den Verkauf von Anteilen an die Thiersteiner Bürger. Die Eröffnung ist für Mai 2016 geplant.

Ein sozialer Kulturort in Niederbayern
Auch die Mitglieder des Vereins  Eiskeller Haindling e.V. haben das Schicksal ihres Dorfes selbst in die Hand genommen. Mit der Schließung des Wirtshauses und des Kramerladens waren die letzten sozialen Treffpunkte in Haindling,  das zu Stadt Geiselhöring  gehört , verloren gegangen. 2004 schlossen sich die Bewohner des Ortes im Verein zusammen. Sie bewegten die Stadtverwaltung dazu, den ehemaligen Eiskeller in Haindling zu kaufen und zu sanieren. Heute betreibt der Verein in dem Gebäude ein Café und einen Laden. Auch Lesungen, Konzerte und Seminare organisieren die Mitglieder in den Räumen und sorgen so für ein vielfältiges kulturelles Angebot. Das Konzept trägt sich und erwirtschaftet sogar Überschüsse, die ebenfalls für einen sozialen Zweck zum Einsatz kommen. Eiskeller Haindling e.V. finanziert mit dem Erlös acht Patenschaften für Schülerinnen in Tansania.

Ein Konzerthaus in der Oberpfalz
Das bisher größte von Raumpionieren entwickelte Projekt ist das Konzerthaus Blaibach. Auch in Blaibach gab es einen verwaisten Ortskern, immer weniger junge Menschen und rückläufige Übernachtungszahlen im ortsansässigen Hotel. Die Blaibacher beschlossen, ihre Gemeinde mit Hilfe von innovativer Architektur und hochkarätigen Musikevents wieder attraktiv zu machen. 2014 wurde das Konzerthaus Blaibach eröffnet. Es ist eines der modernsten Konzerthäuser Europas mit 200 Sitzplätzen. Rund 50 ausverkaufte Konzerte finden hier pro Jahr statt. 1,6 Millionen Euro hat der Bau gekostet, dessen Architektur mit dem Deutschen Architekturpreis ausgezeichnet wurde. Finanziert wurde das Projekt von Land und Kommune, von Stuhlpaten, Sponsoren und Spendern. Heute kommen Besucher aus der ganzen Welt in die Oberpfalz, um Musik im Vorzeige-Konzerthaus zu hören und das Gebäude zu besichtigen.

Expertenvorträge zur nachhaltigen Entwicklung in ländlichen Räumen
Neben Arbeitsgruppen und einem Marktplatz der Raumpioniere bot die Tagung in Bad Alexandersbad drei Experten-Vorträge.  Manfred Miosga, Professor für Stadt- und Regionalentwicklung an der Universität Bayreuth, zeigte in seinem Vortrag, dass sogenannten peripheren ländlichen Räumen eine „doppelte Peripherisierung“ drohe. Zum einen schwinde die ländliche Infrastruktur, zum anderen wanderten deshalb die Einwohner in die Städte ab. Moritz Kirchesch vom Netzwerk Ländliche Räume (BLE) stellte eine kontroverse These auf: Der Breitbandausbau sei viel weniger wichtig als die Innenentwicklung der Dörfer und die Entwicklung von alternativen Wohn- und Nahversorgungskonzepten. Inspirierende Projekte von Raumpionieren wie den Badebus Langenfeld, eine mobile Zahnärztin in Brandenburg und das Amvieh-Theater stellte schließlich Kerstin Faber vom Projektbüro für Raumentwicklung, Politikberatung und Kommunikation vor.

Ein unternehmerisch denkender Bürgermeister
Die Tagung bildete zugleich den Startschuss eines Beratungsprojekts der Universität Bayreuth für die Gemeinde Bad Alexandersbad statt. Als  Berater engagieren sich hier sechs Geologiestudent*Innen und ihr Professor. Am Vorabend der Tagung berichtete Bürgermeister Peter Berek interessierten Tagungsteilnehmern von Initiativen, die er in seiner Gemeinde bereits umgesetzt hat, um sie für junge Menschen attraktiver zu machen. Beispielsweise wurde hier einer der erste 24-Stunden-Kindergarten gegründet. Eltern, die im Schichtdienst arbeiten, können ihre Kinder nun bereits ab 6 Uhr morgens betreuen lassen.

Die ökologische Neuorientierung eines Kurorts
Das bisher teuerste Projekt ist die Erweiterung des Bäderhauses von Bad Alexandersbad um eine Therme, die noch in diesem Jahr fertiggestellt wird.  Sie soll vollständig mit regenerativen Energiequellen betrieben werden. Damit bildet sie den Kern der neuen „alternativen“ Ausrichtung des Kurortes  nach dem Motto „Gesundheit und Energie aus der Natur, mit der Natur, für die Natur“. Auch die Umstellung auf LED-Leuchten in der gesamten Gemeinde (als erste Gemeinde Deutschlands) ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

Fazit: Kommunen brauchen Flexibilität
Die meisten der auf der Tagung vorgestellten Projekte wurden nicht von Bürgermeistern und Verwaltung initiiert und verwaltet. Dennoch brauchen die Ideen der Raumpioniere die Mitarbeit  der Gemeinden. Neben der notwendigen finanziellen Unterstützung von Kommune, Land oder EU braucht es auch die Bereitschaft in den Ämtern,  ungewöhnliche neue Konzepte zu akzeptieren und zu fördern.

Weiterführende Web-Links und Lesetipps
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DORV belebt Dörfer neu

In Deutschland grassiert das Dorfsterben: Drei Viertel aller Gemeinden verlieren Einwohner. Immer mehr junge Menschen zieht es in die Städte. Die Älteren bleiben zurück und haben mit fehlender Infrastruktur, der Abwanderung von Arbeitsplätzen, schwindenden Einkaufsmöglichkeiten und sozialer Vereinsamung zu kämpfen. Postamt, Metzger, Bäcker und der Dorfgasthof sind in vielen Dörfern längst verschwunden. Dafür fressen sich Gewerbegebiete, in denen sich die immer gleichen Ketten ansiedeln in die Naturräume rund um Städte: Parkplatz- und Asphaltwüsten prägen das Bild.

Tante Emma kehrt heim
Das Projekt DORV (Dienstleistung und Ortsnahe Rundum Versorgung) tritt dem Dorfsterben entgegen. Das Prinzip ist einfach: Vor Ort wird ein DORV-Zentrum geschaffen, eine Art moderner Tante-Emma-Laden, der Lebensmittel, Dienstleistungen, soziale und medizinische Dienste anbietet. Außerdem werden hier Kommunikations- und Kulturangebote organisiert, die das soziale Leben im Ort bereichern. Hier können sich insbesondere die nicht (mehr) mobilen Menschen und die jungen Familien im Ort rundum versorgen und auch soziale Kontakte pflegen.

Multifunktionale Nahversorgung
Brot, Fleisch, Gemüse und andere Dinge des täglichen Bedarfs kaufen, Autos an- und ummelden, Geld abheben, Reisen buchen, Post aufgeben, Kaffee trinken, Kleidung zur Annahme für die Reinigung bringen: All das können die Bürger in einem DORV-Zentrum wohnortnah erledigen. Um sicherzustellen, dass Angebot und Nachfrage zusammenpassen, werden die Dorfbewohner schon bei der Planung des Zentrums von Projekt DORV nach ihren Wünschen und Bedürfnissen befragt. So werden die Menschen vor Ort als dauerhafte Nutzer*innen und Kunden*innen gewonnen. Die Rundum-Versorgung hat viele Vorzüge: Sie stärkt die regionale Identität und schafft wohnortnahe Arbeitsplätze. Durch die Vermarktung regionaler Produkte von ortsansässigen Landwirten bleibt die Wertschöpfung im Ort. Dorfwirtschaften und Cafés mit Kulturangeboten fördern außerdem das Gemeinschaftsgefühl, neue Einwohner finden schneller Anschluss.

Kooperation gefragt
Der Aufbau eines DORV-Zentrums verlangt nicht nur Koordination, sondern auch Kooperation. Gewerbetreibende, Kirchen und Sozialverbände sind gefragt, gemeinsam zu überlegen, was vor Ort gebraucht wird und wie es sich gemeinsam mit den Bürger*innen umsetzen lässt. Ein Kompetenzteam von Projekt DORV prüft anschließend mit einer Bedarfsanalyse die Voraussetzungen für die Einrichtung eines DORV-Zentrums. Während der Entstehung und auch im laufenden Betrieb beraten die DORV-Experten die Betreiber. So wird der langfristige Erfolg des jeweiligen Zentrums gesichert. Seit 2004 sind bundesweit 25 solcher Nahversorgungseinrichtungen entstanden. Weitere sind in Planung, auch in den Nachbarländern Österreich, Frankreich und in den Niederlanden. Dass dieses Konzept nicht nur im ländlichen Raum funktioniert, zeigt sich derzeit in einem Pilotprojekt. Das Quartvier-Zentrum in der 90.000-Einwohner-Stadt Düren (NRW) befindet sich bereits in der Umsetzung.

 

Kurz-gut

Projektname: DORV-Zentrum
Startschuss:
2004
Status:
läuft
Wirkungskreis:
lokal, regional
Zielgruppe:
Dörfer und Stadtviertel
Maßnahme:
Belebung des ländlichen Raumes, multifunktionale Nahversorgung
Leitung / Ansprechpartner/in:
Heinz Frey, DORV, frey@dorv.de
Mehr unter:
www.dorv.de bzw. www.quartvier.de