Mit Forschung und Musik im Einsatz für den Auenschutz

Am Freitag, 13. Oktober 2017, wurde in Rastatt bei Karlsruhe der mit 20.000 Euro dotierte Wolfgang Staab-Naturschutzpreis für besondere Leistungen zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung in Fluss- und Auenlandschaften verliehen. Preisträger sind in diesem Jahr die zwei Umweltaktivisten und Naturschützer Nikolaus Geiler und Wolfgang E. A. Stoiber.

Naturschutz als Generationenprojekt

Nikolaus Geiler überzeugte die dreiköpfige Jury, bestehend aus der Stifterin des Preises, Dr. Dorette Staab, Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald (Vorstand der Schweisfurth Stiftung) und Prof. Dr. Emil Dister (Aueninstitut am Karlsruher Institut für Technologie) mit seinem Engagement in Theorie und Praxis. Der Gewässer-Biologe ist Gründer der Aktion „Rettet den Rhein“ und ist damit maßgeblich daran beteiligt, dass heute wieder Lachse im Rhein schwimmen. Zusammen mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) erstellte er zahlreiche Studien zum naturnahen Hochwasserrückhalt sowie zur Auenrevitalisierung. Außerdem ist er Herausgeber des BBU-WASSER-RUNDBRIEFES und Sprecher des Arbeitskreises Wasser des Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz e.V. (BBU). Jenseits des Schreibtisches setzt sich der Preisträger unter anderem aktiv für die Pflanzen- und Tierwelt an der Dreisam in Freiburg ein. Dabei ist es ihm ein Anliegen, die junge Generation im Rahmen von Projekten mit Schulklassen an den Gewässerschutz heranzuführen. Bei der regionalen Arbeit verliert Geiler jedoch die globale Dimension nicht aus dem Blick. „Wir müssen uns auch in der Gewässerschutzpolitik viel mehr Gedanken darüber machen, welche Verantwortung wir gegenüber Entwicklungs- und Schwellenländer haben, wenn es um eine sozial und ökologisch akzeptable Produktion geht“.

Dr. Brigitte Dahlbender, Vorstandsvorsitzende des Landesverbands Baden-Württemberg des BUND würdigte Nikolaus Geiler in ihrer Laudatio für sein zielorientiertes Engagement: „Er legt den Finger in die Wunde, bringt die Gegenseite, aber auch seine Verbündeten zum Nachdenken und zeigt Wege auf, die richtige Lösung umzusetzen.“

Kulturprojekte für die Renaturierung der Weißen Elster

Den zweiten Preisträger Wolfgang E. A. Stoiber beschrieb Dr. Nils Franke, Sprecher der Regionalgruppe Sachsen des Bundesverbands Beruflicher Naturschutz e. V., in seiner Laudatio als „energiegeladen, ideenreich, teilweise völlig unorthodox, strategisch höchst geschickt und ehrenamtlich arbeitend bis zum Anschlag“. Der ehemalige Metzgermeister hat sich dem Naturschutz des Leipziger Auwalds und der weißen Elster verschrieben. Er ist Mitgründer und Vorsitzender des Vereins Naturschutz und Kunst Leipziger Auwald (NuKLA e.V.), der sich als Schnittstelle zwischen „Natur, Kultur, Ökologie und Ökonomie“ sieht. Das Hauptziel ist die Renaturierung der Weißen Elster zwischen Zeitz und Halle/Merseburg. Mit dem AULA-PROJEKT2030 soll eine beispielhafte Verbindung von integriertem Hochwasserschutz, Naturschutz und sanftem Tourismus geschaffen werden. Neben 37 Konzerten, die der Verein bereits organisiert hat, finden regelmäßig Aktivitäten im NuKLA Bildungswerk statt. In Zusammenarbeit mit der Volkshochschule werden Umweltbildungskurse und Auwald-Exkursionen angeboten. Um den fachlichen Austausch zu unterstützen, fanden im Frühjahr 2017 erstmals das Auenökologiesymposium sowie die AULA-Citytagung statt.

„Privatpersonen, die Impulse geben, kritische Fragen stellen und die Rolle des Natur-und Umweltschutzes in der Konkurrenz um Ressourcen und Flächen immer wieder thematisieren sind wesentlich für die nachhaltige Entwicklung von Fluss- und Auenlandschaften“, ist  Prof. Franz-Theo Gottwald überzeugt. Große Freude hatten Jury und Gastgeber Prof. Dr. Florian Wittmann, seit 2016 Leiter des Rastätter Aueninstituts, deshalb mit dem steigenden Interesse der jüngeren Generationen am Naturschutzpreis.

Der Wolfgang Staab-Naturschutzpreis würdigt Verdienste um Fluss- und Auenschutz

Seit 2015 vergibt die Schweisfurth Stiftung den mit 20.000 Euro dotierten Preis in Kooperation mit dem Wolfgang Staab-Naturschutzfonds an Personen, die sich besonders für den Fluss- und Auenschutz engagieren. Wolfgang Staab (1938-2004) machte sich als leidenschaftlicher Umweltschützer in Rheinland-Pfalz einen Namen. Als Vorsitzender des Landesverbandes Rheinland-Pfalz des BUND wirkte er viele Jahre sehr erfolgreich; später war er als Schatzmeister im BUND-Bundesverband tätig. Seine Witwe Dr. Dorette Staab richtete 2014 den Wolfgang Staab-Naturschutzfonds innerhalb der Schweisfurth Stiftung ein.

Mit der Verleihung des Wolfgang Staab-Preises 2017 beginnt zugleich die Bewerbungsfrist für die Preisvergabe 2018. Die Frist läuft bis zum 1. Dezember 2017. Weiterführende Informationen finden Sie hier.

Header-Foto (v.l.n.r.): Wolfgang E. A. Stoiber, Dr. Nils Franke, Dr. Dorette Staab, Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald, Nikolaus Geiler, Dr. Brigitte Dahlbender, Prof. Dr. Emil Dister

Treffpunkt für Akteur*innen aus Zivilgesellschaft, Landwirtschaft und Wissenschaft – Die ECS Jahrestagung 2017

Das European Center for Sustainability Research (ECS) der Zeppelin Universität in Friedrichshafen lädt herzlich zur Werkstatttagung auf dem See-Campus am Bodensee vom 29. September bis 1. Oktober 2017 ein. Die Tagung findet dieses Mal unter dem Titel „Die Erde, die uns trägt. Bedingungen einer aufbauenden Agrarkultur“ statt und richtet sich an Landwirtinnen und Landwirte sowie Mitglieder von Initiativen, Organisationen und Gruppierungen.

Der Agrarkultur gehört die Zukunft

Nicht weniger als die Frage nach dem Erfolgsrezept für eine zukunftsfähige Agrarkultur ist Thema der Tagung. Zu den Referenten und Impulsgebern gehört auch Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald. Sein Thema: „Klimagerecht, biodiversitätsfördernd, fair und verantwortlich – normative Maßstäbe für Agrarpolitiken im 21. Jahrhundert“.

Das vollständige Programm finden Sie hier.

Die dreitägige Veranstaltung bietet eine Plattform zur Vorstellung und Diskussion eigener Projekte und Initiativen sowie Raum zur Vernetzung und Kollaboration. Ein Höhepunkt ist die Präsentation des Future Policy Awards 2017, der die besten Gesetze gegen Desertifikation würdigt. Die Verleihung der Auszeichnung findet Anfang September auf der 13.  UNCCD-Staatenkonferenz (COP) in Ordos (Innere Mongolei, China) statt.

Anmeldung

Sie können sich hier kostenfrei für die Tagung registrieren.

Staatliches Tierwohllabel: Ja, aber…!

Die Grüne Woche in Berlin ist seit 1926 ein Ereignis, an dem das Trendbarometer ausschlägt. Im Fokus der internationalen Ausstellung stehen Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau, die Veranstaltung selbst bezeichnet sich als „das Davos des Agrarbusiness“. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt stellte dort vergangene Woche den Stand der Arbeit für das geplante staatliche Tierwohllabel „Mehr Tierwohl“ vor. Die Schweisfurth Stiftung begrüßt den bereits lang angekündigten Vorstoß. Das Label alleine ist aber nicht die Lösung aller Probleme mit den landwirtschaftlich genutzten Tieren.

Die Pläne des Ministers

(Immerhin:) Zur graphischen Ausgestaltung des Tierwohl-Siegels konnte bereits ein Konsens gebildet werden. Das sechseckige Label erinnert an das Biosiegel, der schwarz-rot-goldene Streifen unterstreicht, dass es sich um ein staatliches Anliegen handelt. Inhaltlich gibt es jedoch noch keine konkreten Ergebnisse. Nur so viel: es soll zwei Stufen geben, in der höheren sind strengere Haltungsbedingungen zu erfüllen, der Kriterienkatalog steht noch nicht fest und die Einführung des Labels ist für 2018 geplant. Die NGO Foodwatch übt scharfe Kritik an der Freiwilligkeit des Labels: „Die Bundesregierung verabschiedet sich mit diesem Ansatz offiziell von dem Ziel, Tierschutz für alle, nicht nur für einige Nutztiere durchzusetzen“. Denn das erwartete Marktpotential des Siegels liegt laut Beratern des Ministers bei etwa 20 %. Für die anderen 80 % der Nutztiere ändert sich nichts, ihre Haltungsstandards würden von der Regierung mit der Einführung des Labels nicht nur toleriert sondern gar legitimiert.

Was es wirklich braucht

Prof. Franz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth Stiftung und Beirat beim Deutschen Tierschutzbund für deren Tierschutzlabel, ist überzeugt: „Die Etablierung eines staatlichen Labels ist nicht genug, um die von den Bürgern gewünschten und erforderlichen Verbesserungen in der Nutztierhaltung zu erreichen. Vielmehr müssen klare Richtlinien für alle gesetzlich verankert werden.“ Möglich wäre das mit einer nationalen Strategie für zukunftsfähige, artgerechte Stallsysteme, die den Landwirten Planungssicherheit bietet. Für die kostenintensive Umrüstung bedarf es darüber hinaus ausreichender Fördermittel seitens des Staates und der EU. Der Deutsche Tierschutzbund hat bereits umfassende wissenschaftliche Grundlagenarbeit geleistet und mit dem Tierschutzlabel Erfahrungen gesammelt, von denen die Entwickler des staatlichen Tierwohllabels profitieren können. Die Erfahrung zeigt: Eine deutliche, positive Veränderung kann nur erzielt werden, wenn die Label-Stufen deutlich über dem gesetzlichen Niveau liegen und für alle verbindlich gelten. Die bisherigen föderale Insellösungen wären damit unnötig. Darüber hinaus ist eine transparente Kennzeichnung mit klaren Kriterien für die jeweiligen Tierwohlstandards notwendig, um das Vertrauen der Konsumenten zu gewinnen. Beispiele wären: die Verpflichtung, schmerzhafte Amputationen an den Tieren zu unterlassen oder die Züchtung gesunder, stabiler Rassen, anstelle von kranken Hochleistungstieren. „Wenn wir eine nationale Nutztierstrategie entwickeln wollen, dann müssen alle gleichmäßig mitziehen: Die Kommunen im Baurecht, die Länder und insbesondere der Bund bei den Förderkriterien sowie bei Gesetz und Vollzug des Gesetzes. Ein staatliches Label ist ein wichtiger Schritt, aber eben nur ein Schritt“, bilanziert Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes.

Guter Nährboden für Solawis

Die Idee lokal und fair (Bio)Lebens-Mittel zu produzieren klingt sehr gut, und doch werden bisher nur vereinzelt landwirtschaftliche Betriebe nach dem Prinzip der solidarischen Landwirtschaft (Solawi) geführt. 120 Solawis stehen ca. 290.000 „normalen“ Betrieben gegenüber, so die derzeitige Bilanz. Es stellt sich die Frage, welche Maßnahmen nötig sind, um den Solawis einen besseren Nährboden zur Verfügung zu stellen, so dass sie an weiteren Standorten Wurzeln schlagen können. Franz-Theo Gottwald nennt in seinem Interview zur Sendung Die Kürbis-Flatrate – Wie eine alte Idee die Landwirtschaft belebt des ZDF, drei Ebenen, auf denen Investitionen notwendig sind:

1. Konsumwende

Die Grundlage stellt eine Konsumwende dar, hin zu nachhaltigem Essen und Trinken. Karl von Koerber, Begründer der Arbeitsgruppe Nachhaltige Ernährung, hat folgende sieben Grundsätze für eine Konsum- und Ernährungswende benannt:

1.    Bevorzugung pflanzlicher Lebensmittel  (überwiegend lakto-vegetabile Kost)
2.    Ökologisch erzeugte Lebensmittel
3.    Regionale und saisonale Erzeugnisse
4.    Bevorzugung gering verarbeiteter Lebensmittel
5.    Fair gehandelte Lebensmittel
6.    Ressourcenschonendes Haushalten
7.    Genussvolle und bekömmliche Speisen*

Solawis zeigen in der Praxis einen Weg der nachhaltigen Versorgung mit Lebens-Mitteln auf. Mehr noch – mit ihren Trägern leben sie einen Wandel vor und regen damit zu Reflexion und einem Bewusstseinswandel für einen verträglichen Lebensstil an.

2. Der Unterschied zwischen Preis und Kosten

Wenn die „wahren“ Preise von Lebens-Mitteln im Supermarkt für den Kunden transparent wären, würde diese Sichtbarkeit (hoffentlich) zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit den Produkten führen – von der Auswahl, Lagerung und Konservierung bis hin zur Zubereitung der Nahrungsmittel. Denn der „wahre“ Preis enthält auch bisher nicht berücksichtigte Kosten, wie die global spürbaren Umwelt-, Klima-, Sozial- und Bodenverlustkosten, um nur einige zu nennen. Lebensmittel müssten bei Vollkostenrechnung etwa 30 bis 50 % teurer sein. Bei der sogenannten „Integration der externen Kosten“ handelt es sich um eine strukturelle Herausforderung, die politische Schritte erfordert. Dies betrifft insbesondere die Besteuerung ausgelagerter Produktion und ihrer negativen Auswirkung auf die Umwelt.

3. Ein Netzwerk der Verwurzelung

Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft leistet bereits viel in der Unterstützung von bestehenden und geplanten Solawis. Doch der Aufbau einer breiten Solawi-Landschaft benötigt weitere Investitionen in bestehende Institutionen. Neben rechtlicher und technischer Expertise sind Hilfestellungen unter sozialen und ökologischen Gesichtspunkten sinnvoll, z.B. in Rechtsberatung, Unterstützung im Management von Kooperationen und beim Sichern von Agrarflächen. Denn viele kleine Betriebe bringen Wissen auf diesen Ebenen nur bedingt mit, so dass Tools und Hilfe zur Selbsthilfe essenziell sind.

* übernommen aus Koerber, Karl von (2014): Fünf Dimensionen der Nachhaltigen Ernährung und weiterentwickelte Grundsätze – Ein Update.

Ein neues altes Konzept – die Solawi

Bisher nimmt die solidarische Landwirtschaft, kurz Solawi, nur eine Nische im gewerblichen Anbau von Gemüse und Ackerbau ein. Zum Weltbodentag 2016 am 5. Dezember können in Deutschland 117 Betriebe gezählt werden, die sich unter dem Begriff zusammenfassen lassen – von der Gemeinschaftsgärtnerei Wildwuchs in Gehrden im Umland von Hannover und dem Hof Hollergraben in Schönwalde, über den Lindenhof in Gelsenkirchen bis hin zum Kartoffelkombinat in München. Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft hat sich zum Ziel gesetzt, die solidarische Landwirtschaft von seinem Nischendasein zu befreien, Neugründungen anzuregen und zu fördern sowie bestehende Höfe mit Rat und Tat zu unterstützen. Das basisdemokratische und partizipativ organisierte Netzwerk ist ein Zusammenschluss von Menschen, die sich für die Solawi engagieren und die Bewegung mitgestalten wollen.

Global, saisonal und genügsam zugleich?

Die Wiege der Solawi liegt in Japan, wo sie unter dem Namen Teikei bekannt ist. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Phänomen zunehmend ausgebreitet. Im englischsprachigen Raum ist es als Community Supported Agriculture kurz CSA und in Frankreich als Associations pour le maintien d’une agriculture paysanne (AMAP) bekannt. Weltweit lässt sich ein Wachstum der Bewegung verzeichnen, vornehmlich im Gemüseanbau. Um eine veritable Alternative zu werden, muss jedoch ein Umdenken auf breiterer Basis stattfinden, hin zu mehr Suffizienz. Suffizienz (lateinische sufficere) bedeutet in diesem Sinne freiwillig, also aus Einsicht, die Ressourcen zu schonen und sich auf das Notwendige zu beschränken. Die Beschränkung würde mit Blick auf die Solawi bedeuten, dass nicht alles immer verfügbar sein kann, sondern Lebensmittel je nach Saison angeboten werden.

Von Transparenz, Ressourcen und Verantwortung

Die Solawi für die Masse ist somit an bestimmte Voraussetzungen geknüpft: Sie erfordert neben der genannten Einsicht des Einzelnen eine Änderung des grundlegenden Wertemusters – weg von dem Streben nach Quantität hin zu mehr Qualität. Denn der Anbau jenseits der Massenproduktion ist zeit- und damit auch kostenintensiv. Bisher nicht kalkulierte Kosten durch Umweltverschmutzung oder soziale Missstände werden bei der Solawi allerdings berücksichtigt und somit durch Produktions- und Konsumänderungen vermeidbar. Die Produkte, zumeist ökologisch hergestellt, haben daher einen anderen Wert – in Bezug auf die Nährstoffdichte aber auch was die gesellschaftliche Verantwortung des Einzelnen für Mitmensch und Mitgeschöpfe angeht. Die regionale Produktion schont zudem Ressourcen, und das nicht nur durch kürzere Lagerung und Transportwege.

Franz-Theo Gottwald zur Solawi im ZDF

Zur Sendung „Die Kürbis-Flatrate – Wie eine alte Idee die Landwirtschaft belebt“, Teil der Dokumentationsreihe planet e. des ZDFs, hat Prof. Franz-Theo Gottwald das Phänomen Solawi aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet.

Bioökonomie – Fluch oder Segen?

Hinter dem Begriff der Bioökonomie verbirgt sich die Idee der kommerziellen Nutzung des Lebens mit all seinen Facetten – von Tieren, über Pflanzen bis hin zu Mikroorganismen. Ziel ist es, einen Wandel weg von der Abhängigkeit von Erdöl, hin zu einer pflanzenbasierten, industriellen Welt zu bewerkstelligen. Doch kann Bioökonomie die neue Schnittmenge zwischen Ökologie und Ökonomie sein? Schützt sie die Natur oder (be)nutzt sie all ihre Ressourcen noch radikaler als je zuvor? Ist beides möglich? Der Bayerische Rundfunk hat im Rahmen des Sendeformats „Evangelische Perspektiven“  diese und andere Fragen rund um das „Zauberwort“ Bioökonomie mit Experten kontrovers diskutiert. „Wenn alles Leben zur Ware wird. Bioökonomie – Fluch oder Segen?“, so der Titel, der in der br-online.de Mediathek nachgehört oder nachgelesen werden kann.

Antwort auf Welthunger, Klimawandel und Ressourcenknappheit oder risikoreiche Vermarktung der Natur?

Unterstützung findet das Konzept seitens der aktuellen Bundesregierung im Rahmen des Programms „Nationale Forschungsstrategie Bioökonomie 2030“. Die Befürworter sind überzeugt, dass die Bioökonomie Antworten auf die Energiefrage, den Klimawandel und die Ressourcenknappheit, ebenso wie Welthunger und Krankheiten bieten kann – mit der Orientierung am Kreislaufprinzip und der effizienten Nutzung von Biomasse.
Kritiker bemängeln hingegen, dass der Industrie sowie der Wirtschafts- und Innovationspolitik der Containerbegriff Bioökonomie zur Vermarktung dient. Der Diskurs um umstrittene Themen – wie beispielsweise Gentechnik gepaart mit IT-Technologie oder Wachstumsphilosophie – wird umgangen, stattdessen werden die Inhalte unter dem neuen, positiv anmutenden Begriff Bioökonomie zusammengefasst. Eine kritische Betrachtung des Konzepts lässt sich in dem bei Suhrkamp erschienen Buch „Irrweg Bioökonomie“ von Franz-Theo Gottwald und Anita Krätzer nachlesen. Neben Kritik an dem Konzept werden insbesondere mögliche Alternativen thematisiert. In der Studie des Instituts für Welternährung – World Food Institute e.V. (IWE) „Mit Bioökonomie die Welt ernähren?“ nennen Franz-Theo Gottwald und Joachim Budde potentielle Risiken, die die Bioökonomie mit sich bringt, beispielsweise die Großtechnik für kapitalstarke Unternehmen, denen Mittel- und Kleinbetriebe nichts entgegensetzen können. Ein zunehmendes Landgrabbing infolge von Konkurrenz um Landflächen zeichnet sich schon heute ab.

Neu: Die Theologisch-ökologische Argumentation

Zu dem zunächst assoziierten Thema Umweltschutz, lassen sich wenige bis keine Parallelen mit der Bioökonomie entdecken. Neben Ökologen ruft dies zunehmend auch Theologen auf den Plan. Denn in der, mit der Bioökonomie einhergehenden, Entfremdung von der Natur wird laut Franz-Theo Gottwald der „Eigenwert der Natur“ bzw. ihre Würde untergraben. Der Mensch nimmt sich aus dem Eingebundensein in der Gänze der Natur heraus und wird zum eigenmächtigen „Schöpfer dieses Planeten“ – zum Guten und zum Schlechten. Der bisher zugrundeliegende normative Rahmen gilt nicht länger, wenn Pflanzen und Tiere ihren Eigenwert durch das Design des Menschen verlieren.

Bei der Sendung zu Gast im Studio waren:

  • Franz-Theo Gottwald, Theologe und Professor für Ernährungs- und Umweltethik an der Freien Universität Berlin
  • Markus Vogt, Professor für Christliche Sozialethik am Lehrstuhl für Theologie an der LMU München und Mitglied im Sachverständigenrat Bioökonomie Bayern
  • Stephan Schleissing, vom Institut „Technik, Theologie, Naturwissenschaften“ der LMU München
  • Christoph Then, Tierarzt und Biotechnologie-Kritiker
  • Anita Krätzer, Hamburger Unternehmensberaterin und Co-Autorin des Buches ‚Irrweg Bioökonomie‘
  • Pat Mooney, kanadischer Entwicklungshelfer, der für seine kritischen Analysen von wissenschaftlich-technologischen Innovationen mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde

Quo Vadis, Nutztierhaltung in Bayern?

Stellungnahme der Arbeitsgruppe Tierwohl der Verbraucherkommission Bayern. „Wachsen oder weichen“, dieses Motto gilt für viele kleine und mittelständische landwirtschaftliche Betriebe. Gemeint ist die Notwendigkeit einer Produktionssteigerung bei gleichzeitiger Kostendeckelung. Leidtragend sind meist die Tiere. Denn Tiergesundheit und Tierwohl stehen hinten an. Alternativen zu diesem Trend zeigt die im Oktober 2016 veröffentlichte Stellungnahme „Gesellschaftlich akzeptierte Nutztierhaltung in Bayern“ der Arbeitsgruppe Tierwohl der Verbraucherkommission Bayern auf. Das Gutachten „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung” des Wissenschaftlichen Beirats Agrarpolitik beim Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft diente in diesem Rahmen als Basis. In ihm werden problematische Entwicklungen der modernen Nutztierhaltung thematisiert und die Handlungsfelder in der Tierhaltung für Betriebe, Politik, Verwaltung und Konsumenten identifiziert.

Fehlende Transparenz für Verbraucher

Die Optimierung von Tieren und ihrer Haltungsbedingungen – von der Züchtung über (genetisch veränderte) Futtermittel, der Haltung bis hin zur Schlachtung – rückt in Tierhaltungsbetrieben immer weiter in den Vordergrund konstatiert die Arbeitsgruppe Tierwohl. Die Kennzeichnungspflicht ist nach Ansicht vieler Verbraucherschützer nicht umfassend genug, den Verbrauchern sollte mehr Transparenz verschafft werden. Denn nur dann können sie durch ihr Kaufverhalten die Produktionsbedingungen in den Betrieben beeinflussen. Lediglich die Anzahl der Siegel zu erhöhen ist jedoch keine Lösung. Schon heute finden sich auf den Waren unzählige verschiedene Labels zu Herkunft, Produktion und Inhalt, so dass der erste Eindruck oft täuscht. Darüber hinaus tragen Skandale und Betrugsfälle zu einer zusätzlichen Verunsicherung seitens der Konsumenten bei.

Alternativen & Maßnahmen

Die vom Vorsitzenden der Verbraucherkommission Bayern, Prof. Franz-Theo Gottwald, geleitete Arbeitsgruppe Tierwohl hat in ihren Empfehlungen konkrete Leitlinien für Bayern entwickelt. Sie beinhalten den Aufbau eines Tierwohl-Monitorings, die Einführung einer intensivierten Qualifizierung und Fortbildung von Tierhaltern sowie eines einheitlichen Tierwohllabels und strikterer gesetzlicher Regulationen (mit Sanktionsmöglichkeiten) aber auch ökonomische Förderungen. Der zitierte One-Health Ansatz, der von Prof. Manfred Gareis und Hans Hauner eingebracht wurde, unterstreicht dabei die reziproke Abhängigkeit von Menschen, Pflanzen und Tieren. Nur durch eine verstärkte fachübergreifende Zusammenarbeit, die letztlich der Tiergesundheit und der Verbrauchergesundheit zugutekommt, kann den gegenwärtigen ökologischen, ökonomischen und sozialen Herausforderungen beigekommen werden.

Header-Foto: © Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz. V.l.n.r.: Prof. Dr. Dr. habil Manfred Gareis (LMU München, Lehrstuhl für Lebensmittelsicherheit), Ulrike Scharf (Bayerische Staatsministerin für Umwelt und Verbraucherschutz) und Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald (Vorstand der Schweisfurth Stiftung)

 

Global Ecological Integrity Group – Tagungsbericht Integrität und Allgemeinwohl

Die Global Ecological Integrity Group (GEIG) ist ein internationales Netzwerk. Mehr als 250 Wissenschaftler*Innen und unabhängige Forscher*Innen befassen sich mit Fragen der ökologischen und sozialen Integrität. Aus Sicht verschiedener Disziplinen wie Ökologie, Biologie, Philosophie, Epidemiologie, Public Health, ökologische Ökonomie und internationalem Recht, sowie Agrar-und Politikwissenschaften wird einmal jährlich in einer Tagungswoche an aktuellen Fragen der globalen Entwicklung des Allgemeinwohls gearbeitet.

Die internationale GEIG-Konferenz 2016 fand im April in München an der Hochschule für Philosophie statt. „The Common Good: The Role of Integrity in Support of Life and Human Security“, lautete das Konferenzthema. Mehrere Referenten*Innen gingen ein auf die päpstliche Enzyklika Laudato Si und die aus ihr folgenden Verantwortungszuweisungen an Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.

Andreas Gösele, Dozent für Sozialethik zeigte z.B. auf, was ganzheitliche Ökologie in dieser Enzyklika bedeutet und welche Veränderungsimpulse für die Umgestaltung der Wirtschaft weltweit (Wirtschaft tötet! so Papst Franziskus an anderer Stelle) abgeleitet werden können. Er führte aus, dass die Enzyklika eine herausragende  philosophische und theologische Unterfütterung der Global Development Goals sei, auf die die Weltgemeinschaft sich im vergangenen Jahr verständigt habe.

Mit seinen Ausführungen knüpfte er auch an den richtungsweisenden Eröffnungsvortrag des internationalen Umweltrechtlers Peter Sand an, der aufzeigte, dass aus der Sorge für die weltweiten Allmenden ein neues Rollenmodell für das menschliche Verhalten in Produktion und Konsum folgen müsse. Mehr denn je sei ein Wandel erforderlich hin zu einem vor- und fürsorgenden Verhalten seitens der Menschheit. Und dies sei zwingend auch auf der Ebene von Verfassungen und anderweitig rechtlich zu verankern.

Das Rollenmodell für dieses Verhalten könne mit Konzepten des „Caretakership, Stewardship, Protectorship oder Trusteeship“ inhaltlich ausgefüllt werden, je nach kulturgeschichtlichem Hintergrund. Nach Sand geht es verstärkt um den Auf- und Ausbau von weltweit anerkannten Institutionen, die für Zurechenbarkeit von Folgen wirtschaftlicher, technischer oder sozialer Eingriffe rechtlich bindend Sorge tragen können.

In der Diskussion zu diesen Beiträgen entstand auch die Überlegung, die aktiven Religionsgemeinschaften weltweit verstärkt in allgemeinwohlrelevante Aktivitäten, wie Klima-, Gewässer – und Bodenschutz einzubeziehen. Da sie alle eine eigene Legislative und Jurisdiktion haben, könnte genau an diesen Rechtsverhältnissen angesetzt werden. Zum Beispiel könnte das bestehende Kirchenrecht der römisch-katholischen Kirche auf die Umsetzung ökologischer und sozialer Entwicklungen in modernen Gesellschaften hin kritisch beleuchtet und gegebenenfalls weiterentwickelt werden.

In vielen Tagungsbeiträgen wurde auf die Dimension der Weiterentwicklung von nationalen Verfassungen oder internationalen Regimes, wie z.B. Handelsabkommen eingegangen. Die Vorschläge bezogen sich auf kosmozentrische Grundlegungen bzw. Erweiterungen von Verfassungen, ferner auf die Integration von Vor-, aber auch Nachsorgeprinzipien und reichten bis zu Anregungen für eindeutige Verfassungsartikel, die gesellschaftliche Entwicklungen weltweit auf ein regeneratives Wirtschaften und eine gemeinwohlorientierte Wirtschaft ausrichten könnten.

Die Teilnehmer*Innen der Tagung waren sich darin einig, dass es ein neues weltbürgerliches Erwachen brauche. So wurde u.a. auf die enorme Bedeutung der Earth-Charta verwiesen, die eine der Lebendigkeit verpflichtete kosmopolitane, also weltbürgerliche Agenda für mehr Integrität in Institutionen und Organisationen formuliert hat (www.earthcharta.org).

Wie kann eine globale, rechtlich verbindliche Gestaltung (Global Governance) von Allgemeinwohl betreffenden Themen vorangebracht werden? Wie wird sich das Pariser Klimaabkommen realpolitisch auswirken? Wie werden die Sustainable Development Goals gut umgesetzt werden können? Diese Fragen beherrschten die Debatten zwischen den mehr als 30 Vorträgen. Viele Bezüge zu den planetarischen Grenzen bzw. zu einem Leben in einem für die Menschheit sicheren und widerstandsfähigen Handlungsraum (Safe Operating Space) wurden von den Konferenzteilnehmern*Innen eingebracht. Immer wieder wurde dabei die besondere Rolle eines auch moralisch integren Verhaltens des Einzelnen betont, um ökologische und soziale Integrität verwirklichen zu können und zum Allgemeinwohl beizutragen.

Im Anschluss an einen entsprechenden Vortrag des Stiftungsvorstands und Gastgebers der diesjährigen Tagung, Franz-Theo Gottwald, wurde die breite Streuung von Vorschlägen zum Erreichen integren, individuellen Verhaltens unter den Diskussionspartnern*Innen feststellbar. Hierzu gehörten zum Beispiel die politische Setzung und Hinterlegung von Anreizsystemen für ein Verhalten, das unter Gesichtspunkten der Zukunftsgerechtigkeit vorzuziehen sei, also von Gesetzen und Verordnungen. Auch eine verstärkte interkulturelle Kommunikation von religiösen und ethischen Prinzipien wurde genannt. Wichtig war den Teilnehmern*Innen zudem, die Forschung zu intensivieren, wie in unterschiedlichen Kulturen die Brücke zwischen angestrebtem nachhaltigen Verhalten und realer Lebensführung bzw. realem alltäglichem Konsum geschlagen werden können, also wie das sogenannte Consumer Citizen Gap zu schließen sei.

Die Beiträge zur Tagung werden im kommenden Jahr bei Springer Press veröffentlicht.

Die nächste internationale GEIG-Konferenz wird im Sommer 2017 in Kanada stattfinden.

Die Kommerzialisierung allen Lebens hat Folgen

Mit der Technik von morgen die Probleme von heute lösen – eine verlockende Vision. Auch in der Landwirtschaft versprechen neue Technologien scheinbar das Ende aller Hungersnöte. Franz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth Stiftung, warnt dagegen vor der sogenannten Bioökonomie.

Ein unkalkulierbares Risiko
„Wir haben schon das Elend der Atomtechnik erleben müssen, partiell das Elend der grünen Gentechnik – und jetzt fangen wir an, die Grundbausteine des Lebens neu zu kombinieren“ resümiert Gottwald im Interview mit dem oya Magazin. Der Einsatz solcher neuen, „nicht rückholbaren“ Biotechnologien wie der synthetischen Biologie sei mit einem nicht kalkulierbaren Risiko verbunden, so der Agrarexperte. Ein Risiko, das aus seiner Sicht zudem unnötig ist:

„Es wird argumentiert, dass diese Entwicklung nötig sei, um 10 Milliarden Menschen zu ernähren, aber das ist auch durch sanfte Alternativen, die für mehr Menschen mehr Zugänge zu Nahrung ermöglichen und weniger Kosten verursachen, erreichbar.“

Eine Aufgabe für die Politik – und jeden einzelnen
Um diesen sanften Methoden den Vorzug vor einer Vermarktung alles Lebendigen zu geben, sieht der Vorstand der Schweisfurth Stiftung Politik und Gesellschaft in der Pflicht: „Meines Erachtens ist ein politischer Rahmen gefragt und zugleich eine Begleitung von Menschen in andere Wahrnehmungs- und Empfindungsmuster, die sie aus der Einstellung herausführen, Natur beherrschen zu wollen.“

Zum vollständigen Interview im oya Magazin

Kritischer Agrarbericht 2016: Wachstum im Öko-Landbau

Der ökologische Landbau in Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte. Seit Jahren wächst der Markt für Bio-Produkte, immer mehr Flächen werden ökologisch bewirtschaftet. 2014 wurden hierzulande über eine Million Hektar von mehr als 23.000 Öko-Betrieben nach ökologischen Richtlinien bestellt — das sind 6,3 Prozent der deutschen Agrarflächen.

Wachsen oder weichen – auch bei bio
Die Zahlen zeigen: Bio ist längst der Nische entwachsen. Nun geht es darum, das Wachstum zu gestalten, möchte man nicht dieselben Fehler wie in der konventionellen Landwirtschaft machen. Denn dort gilt nach wie vor: Wachsen oder weichen. Große Betriebe werden immer größer, getrieben vom Rationalisierungsdruck, gefangen im Korsett der Effizienz- und Produktionssteigerung. Kleine Betriebe können dem Druck oft nicht standhalten und müssen aufgeben. Auch bei Bio droht diese Entwicklung, wenn der Ökolandbau nicht ein tragfähiges Leitbild für seine zukünftige Entwicklung formuliert. Das mahnt Franz-Theo Gottwald in seinem Beitrag „Welches Wachstum passt zum Ökolandbau?“ im Kritischen Agrarbericht 2016.

Werte im Vordergrund
Dieses Leitbild solle den Wachstumsbegriff neu definieren. Statt quantitativem ist qualitatives Wachstum gefragt, das sich an den Werten des Ökolandbaus orientiert. Das Leitbild müsse gesellschaftliche Debatten und Forderungen aufgreifen, wie etwa bei Fragen zu Tierzucht, Tiergesundheit und Tierwohl, zum Klimawandel oder zum fairen Handel. Außerdem gelte es, für die Biobranche innovative technikgestützte Konzepte hinsichtlich der Produktion, Verarbeitung und Vermarktung von Biolebensmitteln zu entdecken. Viele weitere Beiträge im Kritischen Agrarbericht stehen ebenfalls unter dem Schwerpunktthema Wachstum.

Abbild der agrarpolitischen Debatte
Der Kritische Agrarbericht wird seit 1993 alljährlich vom AgrarBündnis e.V. herausgegeben und von der Schweisfurth Stiftung gefördert. Der Bericht dokumentiert jeweils alle Themen der agrarpolitischen Debatte eines Jahres vor dem Hintergrund der europäischen und weltweiten Entwicklung. Der Kritische Agrarbericht 2016 wird am 14. Januar um 10 Uhr in einer Pressekonferenz auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vorgestellt.

Ausgaben der Vorjahre können auf der Internetseite des Kritischen Agrarberichts als PDF heruntergeladen werden.

HighTech gegen den Hunger? Dossier zur Bioökonomie erschienen

Die Frage, wie wir in Zukunft eine wachsende Weltbevölkerung gut ernähren können, stand im Mittelpunkt des Global Bioeconomy Summit, der vom 24. bis 26. November in Berlin stattfand. Die Verfechter der Bioökonomie sehen die Antwort in der Technologisierung der Landwirtschaft. Ertragssteigerungen, (gen-)technische Lösungen und mehr Effizienz sollen dafür sorgen, dass alle satt werden. Doch wie wirksam ist die Ökonomisierung des Biologischen tatsächlich im Kampf gegen Hunger und Armut? Wo liegen die Gefahren? Und: Welche sinnvollen Alternativen gibt es? Ein soeben erschienenes Dossier von Stiftungsvorstand Franz-Theo Gottwald und Wissenschaftsjournalist Joachim Budde im Auftrag des Instituts für Welternährung geht diesen Fragen auf den Grund.

Statt mehr Nahrung: Mehr Probleme
Die ernüchternde Bilanz von Gottwald und Budde: Bioökonomie leistet bislang keinen Beitrag zur nachhaltigen Sicherung der Welternährung. Vielmehr kommen die beiden Autoren zu dem Schluss, dass die bioökonomische High-Tech- und Investitionsstrategie den Kampf um Boden und biologische Ressourcen verschärft. Damit fördert der bioökonomische Ansatz Hunger, Armut und Flucht, anstatt diese Probleme zu lösen.

Die Kommerzialisierung von Leben
Problematisch sei außerdem die zunehmende Kommerzialisierung alles Lebendigen, so die Agrarexperten Gottwald und Budde. Saatgut, Tiere, Pflanzen − alles verkomme zur Ware. Beteiligungsansprüche von lokalen Gemeinschaften fielen dabei unter den Tisch, ebenso wie die Idee der Gemeingüter (Commons). Biotechnologische Verfahren wie Gentechnik oder synthetische Biologie sollen Leben optimieren, effizienter machen, an die (wirtschaftlichen) Interessen der Industrie anpassen. Aber: „Die Wunderwaffen der Bioökonomie können nach hinten losgehen“, warnt Franz-Theo Gottwald. Seien die biologischen Hochrisikotechnologien einmal im Einsatz, ließen sie sich nicht mehr stoppen, geschweige denn rückgängig machen. Profitieren würden von dieser Entwicklung nicht die Hungernden, sondern die Konzerne.

Das vollständige Dossier können Sie hier als PDF herunterladen.

Pressemitteilung „Bioökonomie schafft neue Fluchtursachen“, November 2015, Institut für Welternährung e.V.

Einen interessanten Beitrag von Dr. Alexandra Hildebrandt (Huffington Post) zu der Bioökonomiestudie können Sie hier online  lesen.

Zum Weiterlesen: Franz-Theo Gottwald & Anita Krätzer: Irrweg Bioökonomie. Kritik an einem totalitären Ansatz. Suhrkamp 2014.

 

Ein Jahr Verbraucherkommission Bayern

Ein Jahr ist es her, dass die Bayerische Verbraucherschutzministerin Ulrike Scharf die unabhängige Verbraucherkommission Bayern erneut einsetzte. Alle Schwerpunktthemen, die Verbraucherinnen und Verbraucher in Bayern bewegen, sollen hier ganz konkret verhandelt werden und an praktikablen Lösungen gearbeitet werden.

Probleme identifizieren, Antworten suchen: Die Mitglieder der Verbraucherschutzkommission. Foto: Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz

Probleme identifizieren, Antworten suchen: Die Mitglieder der Verbraucherschutzkommission. Foto: StMUV

Fragen stellen…
Wie können sich die Menschen in der digitalen Welt besser zurecht finden? Wie können sie seriöse von unseriösen Angeboten unterscheiden?
Welche Rechte haben Verbraucherinnen und Verbraucher beim Online-Kauf? Wie kann die Verwaltung noch besser und effizienter für eine Stärkung der Verbraucherrechte eintreten?

…Antworten suchen.
Die Experten der Kommission, deren Vorsitzender Professor Franz-Theo Gottwald ist, entwickeln Ideen, beraten Verbraucherpolitik und sprechen Empfehlungen für konkrete Fragestellungen rund um Handel, Digitalisierung, Finanzen, Energie und Lebensmittel aus.
Auch das Thema Tierwohl und gesellschaftliche Akzeptanz der landwirtschaftlichen Tierhaltung in Deutschland ist ein wichtiger Arbeitsschwerpunkt der Kommission. Denn Verbraucherschutz und Tierschutz sind untrennbar miteinander verbunden. Unter der Leitung von Franz-Theo Gottwald arbeitet die Expertengruppe Tierwohl an entsprechenden Empfehlungen, welche dringlichen Fragen in naher Zukunft anstehen und welche Lösungspotentiale die Tierhaltung in Bayern bietet.

Lesen Sie hier die Pressemitteilung der Verbraucherkommission Bayern.

Auszeichnung für Franz-Theo Gottwald

Das Lebensmittelhandwerk mit seinen ursprünglichen Gewerken zu schützen und weiterzuentwickeln ist eines der Anliegen der Schweisfurth Stiftung. Für das Fleischerhandwerk hat unser Vorstand Franz-Theo Gottwald gemeinsam mit dem Deutschen Fleischerverband ein Leitbild entwickelt. Im Vordergrund des Leitbilds steht die handwerkliche Tradition, die regionale Verarbeitung und Vermarktung, die Bewahrung lokaler Angebote vor Ort, die Einhaltung von Qualitätsstandards sowie die Achtung von Tierwohl und Transparenz. Auch die Nähe zum Kunden als Alleinstellungsmerkmal des Handwerks gegenüber den Discountangeboten ist prägender Leitwert.

Nun erhielt Professor Franz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth Stiftung, das Ehrenzeichen in Gold des Deutschen Fleischerverbandes.

„Sie setzen sich in vielfältiger Weise für die Belange des Fleischerhandwerks ein. Besonders hervorzuheben ist Ihre führende Rolle bei der Erstellung unseres Branchenleitbilds. Früher als bei anderen wurden dort die heute so aktuellen Themen Tierwohl und Regionalität aufgegriffen, was vor allem Ihrer Weitsicht zu verdanken ist“

heißt es in der Begründung für die Entscheidung. Die Urkunde wurde im Rahmen des Verbandstages am 12. Oktober in Bremen überreicht.

Hier können Sie das Leitbild des Fleischerhandwerks herunterladen.

Kampagne gegen Ackergifte

Mehr als 45.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel landen jährlich auf deutschen Äckern. Für die Hersteller ein Milliardengeschäft: Weltweit betrug 2014 das Weltmarktvolumen für Pflanzenschutzmittel 56,7 Milliarden US-Dollar. Die Chemikalien sollen die angebauten Nutzpflanzen vor unerwünschten Unkräutern, Insekten, Pilzen und/oder Mikroorganismen schützen. Doch die Ausbringung dieser Ackergifte wirkt sich schädigend auf Böden, Gewässer, Tiere, Artenvielfalt und auf die menschliche Gesundheit aus. Die Aktion Ackergifte? Nein danke! der Bürgerinitiative Landwende kämpft für ein Verbot synthetischer Pflanzenschutzmittel und macht auf die vielfältigen Gefahren durch Pestizide aufmerksam.

Ein Anliegen, das auch der Vorstand der Schweisfurth Stiftung, Franz-Theo Gottwald, unterstützt:

„Das von der Agrarindustrie im Verein mit der Biotechnologie-, Chemie- und Pharmaindustrie aufgefahrene Vernichtungspotenzial ist inzwischen so gewaltig geworden, dass gute Chancen bestehen, unsere natürliche Mitwelt bis auf wenige, ständig schrumpfende Nischen zu vernichten.“

Ackergifte? Nein danke! vernetzt Umweltorganisationen und Akteure. Die Homepage informiert mit einem Newsticker über neueste Entwicklungen, Aktionen und Branchennachrichten. Eine Beratungsstelle hilft außerdem Menschen, die durch die negativen Folgen von Ackergiften direkt betroffen sind. Sie können sich direkt an die Schadensmeldestelle wenden.

Für die vielfältigen Aktionen werden laufend Mitstreiter gesucht, die sich an Aufklärungsarbeit, Aktionsplanung, Blogeinträgen oder der Auswertung von Studien beteiligen möchten.
Bei Interesse einfach melden unter: info@landwende.de

Unsere aktuelle Buchreihe zur Agrarkultur

Praxisnah ist die von der Schweisfurth Stiftung herausgegebene Publikationsreihe „Agrarkultur im 21. Jahrhundert“, die im Metropolis-Verlag erscheint. In den einzelnen Bänden erklären die Autorinnen und Autoren anhand konkreter Problemstellungen, wie Menschen nachhaltig und gut auf und mit dem Planeten Erde leben können. Auch im 21. Jahrhundert lassen sich viele Potenziale für ökonomische, ökologische und kulturelle Entwicklungen im Leben auf und mit dem Lande finden. Ziel der Reihe ist es, möglichst viele Mitdenker und Mitmacher bei der Gestaltung nachhaltiger Lebensformen zu entwickeln.

Bisher erschienen − Marburg, Metropolis Verlag:

Schweisfurth Stiftung Metropolis Bücher Titel

 

Michael Beleites (2016): Land-Wende.
Raus aus der Wettbewerbsfalle!

Die Industrialisierung der Landwirtschaft wird weder von profitgierigen Landwirten, noch durch geizige VErbraucher bewirkt. Ihr Verursacher ist der Verdrängungswettbewerb, die Logik vom „Wachsen oder Weichen“ der Höfe. Michael Beleites untersucht die Wettbewerbslogik dort, wo sie herkommt – in der Biologie. Sein Befund: Nicht Kampf und Konkurrenz leiten die Naturprozesse, sondern Kooperation und ökologische Integration, die Umweltresonanz.

 

Franz-Theo Gottwald, Isabel Boergen (Hg.) (2013): Essen & Moral.
Beiträge zur Ethik der Ernährung

Jeder Bissen ein Fall für das Gewissen? Die ausgewählten Beiträge schildern die mannigfaltigen ethischen Herausforderungen, denen sich jeder von uns täglich aufs Neue stellen muss − sei es als Produzent, Vermarkter oder Verbraucher. Details wie die Patentierung von Leben oder die Kennzeichnung gentechnikfreier Lebensmittel werden von den Autorinnen und Autoren dabei ebenso aufgegriffen wie grundsätzliche philosophische Fragen, die sich etwa beim Verzehr von Produkten tierischer Herkunft stellen.

 

Karin Jürgens (2013): Milchbauern und ihre Wirtschaftsstile.
Warum es mehr als einen Weg gibt, ein guter Milchbauer zu sein.

Wie können Bauern die Zukunft ihrer landwirtschaftlichen Betriebe sichern?
Die freiberufliche Agrarwissenschaftlerin Dr. Karin Jürgens beschreibt anhand der Biografien von Milchviehbetrieben und deren Wirtschaftsstilen Entwicklungsoptionen jenseits von Wachsen oder Weichen.

 

Kristina Pezzei (2012): Verkaufen können wir selber!
Wie sich Landmenschen ihren Laden zurück ins Dorf holen.

Dieses Buch handelt von Menschen, deren Ideen und was sie daraus machten, um sich wieder Läden ins eigene Dorf zu holen. Es berichtet von Initiativen und Aktionen, die oft ohne finanzielle Unterstützung, dafür aber mit viel ehrenamtlichem Einsatz neue Wege ausprobieren. Die Journalistin und Geografin Kristina Pezzei hat Dorfläden in ganz Deutschland besucht. Sie zeigt, dass solche Projekte funktionieren und sogar als Vorbilder für ähnliche Vorhaben in Städten dienen können.

 

Franz-Theo Gottwald (2. Auflage, 2012): Esst anders!
Vom Ende der Skandale. Über inspirierte Bauern, innovative Handwerker und informierte Genießer.

Wir brauchen eine ethische und politische Wende, die sich an Gerechtigkeit, Souveränität, der Würde des Lebens und an der Re-Regionalisierung orientiert. Sonst werden Lebensmittelskandale, Pandemien, Tierquälerei und Umweltverbrauch notwendige Folgen der städtischen Essgewohnheiten bleiben. Das Buch verdeutlicht, warum wir so leben, wie wir essen und warum wir jetzt anders essen müssen, damit auch künftige Generationen noch gut zu essen haben.

 

Anita Idel (5. Auflage, 2014): Die Kuh ist kein Klima-Killer!
Wie die Agrarindustrie die Erde verwüstet und was wir dagegen tun können.

Das Rind ist einerseits globaler Landschaftsgärtner, andererseits extrem energiereich gefüttertes Hochleistungstier. Dr. Anita Idel stellt die Frage nach dem richtigen System. Dieses Buch ist mehr als die Rehabilitierung der Kuh. Die Autorin dokumentiert den zerstörerischen Beitrag der intensiven Landwirtschaft zum Humusverlust und zum Klimawandel. Sie lässt Menschen zu Wort kommen, die durch Weidewirtschaft mit Kuh und Co. und dem Wissen des 21. Jahrhunderts die symbiotischen Potenziale des Boden-Pflanze-Tier-Komplexes wiederbeleben.

Zusammenarbeit mit Universitäten

Junge Menschen für eine nachhaltige Neugestaltung der Land- und Lebensmittelwirtschaft zu begeistern, ist eines der Anliegen der Schweisfurth Stiftung. An der Humboldt-Universität zu Berlin lehrt Stiftungsvorstand Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald alle zwei Jahre im Rahmen einer Vorlesungsreihe „Agrar-, Ernährungs- und Umweltethik“. Sein Ziel ist es dabei, Studentinnen und Studenten zu befähigen, selbstständig bioethische Problemstellungen zu identifizieren, zu analysieren und angemessene Lösungen zu entwickeln.

Auch am Zentrum für Nachhaltige Unternehmensführung (ZNU) an der Universität Witten-Herdecke bringt sich die Schweisfurth Stiftung regelmäßig mit Beiträgen bei der jährlich stattfindenden Zukunftskonferenz Food ein.

Divinus halitus terrae – auf der EXPO 2015 in Mailand

Eindrücke und Gedanken von Prof. Franz-Theo Gottwald

Divinus halitus terrae – der göttliche Atem der Erde empfängt die Besucher der EXPO 2015 in Mailand. In Worten auf der eindrucksvollen Ausstellungshalle der UN. Doch auch die Präsenz der großen Sponsoren aus Lebensmittelindustrie und Energiewirtschaft empfängt einen – noch vor dem Passieren der Besucherkontrolle und auf dem gesamten Gelände. Divinus halitus terrae, dieses Leitmotiv einer lebendigen Erde habe ich als ein ermutigendes Zeichen erlebt für das große Menschheitsprojekt des 21. Jahrhunderts: Nachhaltiges Wirtschaften. Die Besucher werden im Pavillon Zero – Zero als ein Hinweis auf „Null Hunger“ als Schwerpunktthema der UN – gleich auf eine der wichtigsten Ressourcen hierfür hingewiesen: das über die Jahrtausende gesammelte Wissen zur Ernährungssicherung. Imposant dargestellt mit einem 24 Meter langen und 50 Meter hohen „Archiv des Wissens“. Eine künstlerisch und inhaltlich hervorragend inszenierte Präsentation über Nahrung als kulturbildende Kraft.

Slowfood als Schlusspunkt der Ausstellung

Auch wenn viele engagierte Slowfood Mitglieder – wie ich höre – enttäuscht sind über die „schlechte Platzierung“ der exzellenten Slowfood-Präsentation am Ende des 1,5 km langen Ausstellungsareals – so habe ich gerade diesen Platzierung als zukunftsweisend wahrgenommen. Nach einem längeren Weg, der bei der UN beginnt, kommen die Besucher über viele verschiedene Optionen (147 ausstellende Teilnehmer) wie die Menschheit in Zukunft ernährt werden kann, am Ende zu Slowfood – und hier auf den Geschmack der Biodiversität, der Regionalität, der Bäuerlichkeit und der Handwerkskunst.


Unterschiedlichste Blickwinkel auf die Zukunft der Ernährung

Die Länder-Präsentationen in Mailand sind so vielfältig wie die Esskulturen auf dem Planet Erde. Mit dem übergeordneten Expo-Thema „Feeding the planet. Energy for life“ setzen sie sich mal mehr, mal weniger auseinander. Die folgenden vier Beispiele zeigen, wie unterschiedlich die Perspektiven auf die Zukunft der Ernährung sein können.

Niederlande: Kann die Technik alles richten?

Die Niederlande legen den Fokus zu 100 % auf industrielle, technische Lösungen. Gentechnik, „Fünf-Sterne-Hotels für Hühner“, „Schmerzfreie Gänseleber“ gehören unter anderem dazu. Eine Präsentation, die die Befürworter einer sozialen und ökologischen Ernährungszukunft konfrontiert und zu Widerspruch reizt. Ob wohl die knietief im Wasser stehenden Kühe auf dem Ausstellungsareal der Holländer eine metaphorische Bedeutung haben?


Ökolandbau auf der Expo: Ein Nischenthema

Apropos Bio und Ökolandbau: Bei meinem dreitägigen Expo-Besuch habe ich keine explizite Präsentation hierzu entdeckt. Dass Sepp Braun aus dem Raum München zu den sechs Expo-Botschaftern im deutschen Pavillon gehört, hat mich gefreut. Gleichzeitig hat es mich auch traurig gestimmt, dass dieser Ökopionier-Landwirt, „nur“ als „Bodentüftler“ vorgestellt wird, ohne dabei Bio auch nur zu erwähnen.


Deutschland: Vom Urban Gardening zum virtuellen Supermarkt

Im deutschen Pavillon werden die Zusammenhänge zwischen Boden, Wasser, Klima und der Ernährung verdeutlicht. Auch der Aufruf, bewusst zu konsumieren, fehlt nicht.

Mein persönliches Resümee:  Deutschland fordert die Besucher auf, aktiv zu werden, sei es beim Urban Gardening, sei es bei sozialer und klimagerechter Erzeugung. Wie das alles mit Milchkuh-Optimierung (ein Exponat der Universität Bonn) und virtuellem Supermarkt zusammen gehen soll, ist offen geblieben.


Deutschland-Urban-Gardening

Frankreich: Wo Nahrungsaufnahme zelebriert wird

Wie könnte es auch anders sein: Frankreich nimmt die kulinarische, gastronomische Seite der Ernährung in den Blick, ebenso wie das Zelebrieren von Essen und Trinken. Selbstbewusst inszeniert in einem architektonisch gelungenen Pavillon in Form einer offenen Holzkonstruktion.


Österreich: Luft als Lebensmittel

Das am Eingang der Expo von der UN inszenierte Motto „Divinus halitus terrae“ hat Österreich atem-bar und konsequent umgesetzt. Die Besucher werden eingeladen, durch eine original österreichische Bergwelt zu spazieren und tief durchzuatmen. Ganz nebenbei erfahren sie dabei etwas über die Bedeutung guter Luft als Lebensmittel, als Gemeingut, als Klimamacher und vieles mehr aus dem zukunftsrelevanten Wissen um die Pflege von Kulturlandschaften.


Divinus halitus terrae Schweisfurth Stiftung Wald Österreich

Mein Ausblick

Mein Expo-Besuch war im übertragenen Sinne ein Moment des Luft- und Inspiration-Holens sowie des Beobachtens, wie in den letzten Jahrzehnten ein Bewusstseinswandel im Hinblick auf Landwirtschaft, Ernährungsgewohnheiten, Energieerzeugung und -verbrauch weltweit angestoßen wurde. Auch und gerade von der vielgestaltigen Umweltbewegung.

Gleichzeitig waren meine Expo-Tage heiße Tage. Buchstäblich, denn es hatte gefühlte 50 Grad unter den Zeltplanen der Expo-Plazza. Und im übertragenen Sinn: Bis wir bei den Idealen von Slowfood ankommen werden, ist es noch ein langer, schweißtreibender Weg. Glauben Sie mir – es lohnt sich, ihn zu gehen.


Ihr Franz-Theo Gottwald

Entwicklung ökologischer Agrarkultur

Das Konzept der ökologischen Agrarkultur wurde Ende der 80iger Jahre im Kontext der ökologischen Landwirtschaft maßgeblich von der Schweisfurth Stiftung geprägt. Seither wird es als Sammelbegriff für die vielfältigen kulturellen, ökologischen und sozioökonomischen Ausprägungen bäuerlicher Landwirtschaft genutzt. Ökologische Agrarkultur beschreibt die Kulturaufgaben der Landwirtschaft und die vielgestaltigen positiven Wirkungen, die Landwirtschaft im Hinblick auf Umwelt, Klima, Biodiversität und Gesellschaft erbringen kann. Ökologische Agrarkultur ist damit ein alternativer, zukunftsweisender Weg zur eindimensional auf Ertragssteigerung ausgerichteten, industriellen Landwirtschaft.

Die Schweisfurth Stiftung hat die Wahrung und Entwicklung von ökologischer Agrarkultur zu einem Bestandteil ihrer Statuten gemacht. In ihrem Leitbild „Wege zu einer nachhaltigen Agrar- und Ernährungskultur“ wird detailliert beschrieben, wie eine lebendige und zukunftsfähige Landwirtschaft zum Wohle von Mensch, Tier und Umwelt funktionieren kann.

Das Leitbild können Sie hier (PDF) herunterladen.

Video-Tipp: Franz-Theo Gottwald im Gespräch zu der spannenden Frage: Jeder Bissen ein Fall für’s Gewissen?