Kulinarische Abenteuer um die Ecke

„Wie und was wir essen, wie wir anbauen, wie wir Handel treiben – diese Fragen bestimmen mit, wie unsere Welt in Zukunft aussehen wird.“, schreiben Georg Schweisfurth und Simon Tress in ihrem Buch „Lokal. Das Kochexperiment“ – ein Buchtitel der neugierig macht.

Lokal oder regional – für den Verbraucher ist nicht immer klar, wo der Unterschied liegt. Laut Definition steht lokal für einen örtlich begrenzten geografischen Raum, der von Person zu Person und je nach Standort unterschiedlich wahrgenommen wird. Wohingegen regional eine Größendefinition ist, die alles umfasst, was einer bestimmten Region, die oft kulturell und traditionell gewachsen ist, zugeordnet wird. Georg Schweisfurth und Simon Tress nutzen ganz bewusst den Begriff lokal statt regional und meinen damit alles, was aus einem Radius von 15 Kilometern um den Herstellungsort kommt. Sie stellen sich auf ihrer 11 Monate langen Tour durch Deutschland, Österreich, Schweiz und Italien der Herausforderung, alle Zutaten für die gemeinsamen Kochexperimente und Gerichte in Bio-Qualität und in dieser Entfernung von ihrer jeweiligen Reisedestination zu finden.

Ganztierverwertung: Von der Schnauze bis zum Schwanz

Neben leckeren Rezepten, stecken im Buch vor allem viele Geschichten über außergewöhnliche Öko-Vorreiter. „Wir verwenden möglichst alles vom Tier“ erzählt beispielsweise Zilla Fröhlich vom Bioland-Hof „Das fröhliche Alb-Rind“ in Bingen. Ganztierverwertung, momentan im Trend, wird hier bereits seit Jahren umgesetzt. Verkauft werden Fleisch, Innereien, Fett und Knochen der Fleckvieh-Limousin Rinder an nur drei Terminen im Jahr – da sind die Wartelisten lang. Und sollte doch einmal etwas übrig bleibt, werden beispielsweise die Knochen in Drei-Kilo-Einheiten an interessierte Kunden verschenkt. Passend dazu haben die Autoren auch gleich Rezeptvorschläge für die Leser*innen vorbereitet: Herz, Niere und Leber vom Rind werden zu einem Ragout verarbeitet oder der Lardo vom Wollschwein mit Bärlauch auf Brötchen serviert.

„Lokal“ bietet einen Einblick in die Komplexität der Lebensmittelwirtschaft, außergewöhnliche Rezepte und teilt besondere Erfahrungen und Einsichten rund ums Kochen und Essen. Das Experiment war eine echte Challenge, denn obwohl ökologische Lebensmittel beliebter denn je sind, handelt es sich weiterhin um einen Nischenmarkt: „Wir dürfen uns auf den Lorbeeren der letzten Jahre nicht ausruhen, sondern müssen weiter trommeln!“, so die Botschaft und Aufforderung des Buches.

Schweisfurth, Georg/Tress, Simon (2016): Lokal. Das Kochexperiment, München: Südwest, ISBN 978-3-517-09470-0

Wir kooperieren „für eine Agrarkultur, die diesen Namen wieder verdient“

Die Schweisfurth Stiftung im Interview mit Stephan Illi über die Entwicklungen im Ökolandbau, Transparenz und Kooperation als Schlüssel für die Zukunft, die Projekte wir-kooperieren und Kulturland Genossenschaft sowie Wünsche an die nächste Bundesregierung.

 

Herr Illi, Sie arbeiten seit 1993 mit landwirtschaftlichen Betrieben an der Umstellung und Weiterentwicklung hin zu einem ökologisch und sozial verantwortlichen Landbau. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation im Öko-Landbau ein? Befinden wir uns auf dem richtigen Weg?

Stephan Illi: Aus meiner Sicht ist ja ein Weg immer dann richtig, wenn man schaut wo er hinführt, daraus lernt und dann neu bewertet, ob das die richtige Richtung ist. Der Ökolandbau ist die nachhaltigste Form der Landbewirtschaftung. Die Entwicklung ist aber die gleiche wie im konventionellen Landbau: die meisten Betriebe wachsen, spezialisieren sich, bauen Vielfalt ab und kleinere hören auf. Da im Hintergrund dieselben Marktmechanismen wirken, also z.B. Preisdruck aus internationalen Märkten, Intransparenz über die Herkunft der Waren und extreme Konkurrenz über den gesamten Wertschöpfungskreis, ist das ja irgendwie auch logisch.

Wo liegen die größten Hürden auf dem Weg zu einer nachhaltigen Landwirtschaft?

SI: Eine große Hürde ist für mich die Intransparenz: Viele Verbraucher wissen fast nichts mehr über Landwirtschaft und lassen sich durch die schönen Bildchen der Werbung beeindrucken. Konsumenten wieder näher an die landwirtschaftliche Erzeugung heranzuführen sehe ich als eine sehr große Aufgabe von Menschen, die wirklich etwas verändern wollen. Außerdem müssen wir Kooperationsmodelle entwickeln, statt ewig an Konkurrenz zu denken. Wenn wir nicht lernen, auf allen Ebenen besser zusammenzuarbeiten, zum Wohl von Mensch und Natur, geht aus meiner Sicht die oben genannte Entwicklung einfach so weiter.

Die Schweisfurth Stiftung unterstützt seit 2014 das Projekt wir-kooperieren bei dem Sie Betriebsgemeinschaften beraten und Strategien für eine erfolgreiche Zusammenarbeit entwickeln. Wie läuft das Projekt?

SI: wir-kooperieren ist ein spannendes Projekt, weil es eine gute Grundlage für Zusammenarbeit schafft. Es ist auf die Zusammenarbeit in Betriebsgemeinschaften auf Höfen ausgerichtet, aber auch auf alle anderen Arten der Kooperation übertragbar. Besonders schön ist, dass es von Höfen gut aufgegriffen wird, und auch einige Öko-Berater damit arbeiten.

Transparenz, Verständnis und Vertrauen aufbauen, das sind drei Schlagworte aus ihrem „Werkzeugkasten“ für eine harmonische Zusammenarbeit. Wie erreichen Sie das mit Ihren Projektpartnern?

SI: Als wichtig sehe ich das Bemühen, ehrlich und gemeinsam an den genannten Punkten zu arbeiten. Transparenz herzustellen braucht einerseits technische Voraussetzungen, also z.B. für alle zugängliche Daten und Dateien und andererseits methodische Voraussetzungen: Die Gemeinschaften sollten sich regelmäßig treffen und es dabei schaffen, auch über Unangenehmeres zu reden. Wir müssen lernen uns als Menschen mit Bedürfnissen, großen Potentialen und eben auch Schwächen wahrzunehmen. Wenn diese beiden Dinge gelingen, entsteht unserer Erfahrung nach Vertrauen.

Sind Netzwerkpartnerschaften erfolgreicher als „Einzelkämpfer“?

SI: Ganz sicher nicht grundsätzlich, denn wenn viel gestritten wird, kostet das unendlich viel Kraft. Aber das Potential von gemeinschaftlich verantworteten Betrieben und Netzwerkpartnerschaften ist größer, einfach weil man sich gegenseitig stärken, beraten und unterstützen kann und, wenn das gelingt, nachhaltigere Entscheidungen trifft. Und das Zusammenarbeiten kann man zu einem guten Stück auch lernen – das ist ja die Idee hinter wir-kooperieren. Das bewusste sich Einlassen auf die Zusammenarbeit ist ein großes und sehr schönes Lernfeld, das man überall anwenden kann – sogar in der Beziehung zu seinem Lebenspartner und den Kindern.

Mit einem anderen Projekt Kulturland Genossenschaft organisieren sie Gemeinschaftseigentum an Grund und Boden für die bäuerlich geführte ökologische Landwirtschaft. Privatpersonen können z.B. für den Gegenwert von 5.000€ Genossenschaftsanteile kaufen und erwerben damit 2.000 m² Land, das wiederum von einem der neuen Höfe im Programm bewirtschaftet wird. Die Mitgliederzahl konnte im letzten Jahr verdoppelt werden, die Einlagen verdreifacht. Was ist Ihre Vision für dieses Projekt?

SI: Das Schöne an dem Projekt, bei dem die Schweisfurth Stiftung auch beteiligt ist,  besteht aus meiner Sicht darin, dass ein besserer Umgang mit den explodierenden Pacht- und Bodenpreisen möglich ist, wenn sich Konsumenten und Biobauern stärker vernetzen. Bürger mit etwas Geld auf dem Konto investieren einen Teil davon in die Landsicherung für Höfe, deren Arbeit sie unterstützenswert finden. Das ist ab 500 € möglich und nach oben unbegrenzt. Dabei kann das entstehen, was ich bereits vorhin angedeutet habe: Beziehung und eine Art Partnerschaft von Bürgern mit Landwirten. Je regionaler es stattfindet, umso besser. Modelle wie dieses sollten noch sehr stark verbreitet werden: Sie dienen den Bauern und den Bürgern, denn sie sichern das Land für Höfe und sind dabei eine durchaus sichere Geldanlage.
Die gemeinsame Sicherung von Land für regional eingebundene Biobauern ist eine der wichtigen Voraussetzungen, um eine neue Agrarkultur zu ermöglichen, die diesen Namen wieder verdient.

Die Bundestagswahl liegt gerade hinter uns, welches Gesetz wünschen Sie sich von der nächsten Bundesregierung?

SI: Ich könnte da ein ganzes Bündel von Gesetzen vorschlagen, bleibe aber mal beim Thema Transparenz. Wenn wir bei allem was wir einkaufen wüssten, wo und wie es entstanden ist, könnte sich nach und nach etwas verändern. Über das Internet wäre das doch leicht möglich, man müsste eben die passenden Methoden entwickeln. Ebenso dürften keine irreführenden Angaben und unzutreffenden Bilder gemacht werden. Und weiter gedacht: Wir Bürger müssten in alle notwendigen staatlichen Informationen, abgesehen von persönlichen Daten, einblicken können. Ist es nicht absolut verrückt, wenn die europäische Zulassungsbehörde zustimmt, dass Glyphosat [Anmerkung der Redaktion: Derzeit ist der Film Roundup, der Prozess online abrufbar] aufgrund geheim gehaltener, firmeneigener Untersuchungsergebnisse von Monsanto zugelassen werden kann? Wir öffnen damit Lobbyismus und Bestechlichkeit Tür und Tor und schaffen die totale Intransparenz! Ich denke, wenn man das Thema Transparenz durch entsprechende Gesetzgebung ernsthaft angeht und zudem mehr Volksabstimmungen in Bund und EU erlaubt, entsteht mehr Mündigkeit der Bürger und die Politikverdrossenheit geht zurück.
Ergebnis dieses Vorgehens wären mit hoher Wahrscheinlichkeit bessere, regionalere und vor allem nachhaltigere Produkte. Und ein wichtiger Schritt in Richtung Sicherung einer gutenLandwirtschaft sowie nachhaltigen Ernährungskultur, welche immer mehr Konsumenten wollen. Also alles Themen, für die sich auch die Schweisfurth Stiftung mit großer Kraft einsetzt.

Vielen Dank, Herr Illi!

 

Stephan Illi
ist Berater für Kooperationen und Organisationsentwicklung sowie Projektleiter von wir-kooperieren.org. Der studierte Agraringenieur war sieben Jahre lang geschäftsführender Vorstand im Demeter Bundesverband in Darmstadt. Zuvor war er 13 Jahre als Geschäftsführer der Demeter Milchbauerngemeinschaft und Demeter Erzeugerberater in Bayern mit dem Schwerpunkt Umstellungsberatung tätig. Er lebt in Prien am Chiemsee.

Tierwohl in der Außer-Haus Verpflegung

Während Bürgerinnen und Bürger in der eigenen Küche immer mehr darauf achten, nachhaltige Produkte zu verwenden, ist ihr Interesse dafür in der Außer-Haus Verpflegung nach wie vor sehr gering. Doch der Außer-Haus Bereich (Gastronomie, Hotellerie, Gemeinschaftsverpflegung sowie Erlebnis- und Freizeitgastronomie) hat in Deutschland große Relevanz. Im Jahr 2016 wurden hier Lebensmittel im Wert von knapp 75,8 Milliarden Euro eingekauft und damit knapp 40 % des Umsatzes der Ernährungsindustrie erzielt. Nur etwa 0,5 % der Waren in der Außer-Haus Verpflegung stammen aus biologischem Anbau beziehungsweise aus ökologischer Tierhaltung. Höchste Zeit also, dass auch hier Umweltschutz und Tierwohl an Wichtigkeit gewinnen.

Genuss als Wegbereiter für Nachhaltigkeit

Bekannte Bewegungen wie Slow Food stärken die Themen Achtsamkeit und Nachhaltigkeit in der Gastronomie. Der Slow Food Genussführer 2017 stellt etwa über 500 Gasthäuser und Restaurants vor, die den Slow Food-Kriterien „gut, sauber & fair“ folgen. 100 neue Lokale sind seit der letzten Ausgabe hinzugekommen. Die Slow Food Schnecke an der Eingangstür teilnehmender Betriebe weist den Gästen den Weg. Slow Food ist hier ein Gesamtkonzept aus Transparenz, Regionalität, kleinstrukturierter Landwirtschaft und individueller Handfertigung. Einer, der das Konzept mit Leben füllt und stetig vorantreibt ist der Alte Wirt in Grünwald. Ein Vorzeigebetrieb in Sachen Tierwohl, bei dem tiergerechte Haltung, Bio-Standards, Regionalität sowie nose-to-tail Verwertung selbstverständlich sind.

Tierschutz auf dem Teller

Der Alte Wirt ist auch einer der Preisträger der Auszeichnung Tierschutz auf dem Teller®, die die Schweisfurth Stiftung 2006 ins Leben gerufen hat. Ziel ist es, dass die verwendeten tierischen Erzeugnisse zu mindestens 60 % aus tiergerechter ökologischer Tierhaltung stammen, keine tierquälerisch erzeugten Produkte angeboten werden, vegetarische Alternativen bereit stehen und dem Gast so der Zusammenhang zwischen tiergerechter, ökologischer Nutztierhaltung und gastronomischer Bewirtung vermittelt wird.

Tiergerechte Mahlzeiten in Kantinen und Mensen

Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 40 % der Mahlzeiten außer Haus konsumiert werden. Einen sehr großen Anteil machen Kantinen am Arbeitsplatz und Mensen in Schulen aus. Dass auch hier nachhaltige Lösungen möglich sind, zeigt zum Beispiel die Stadt München. In Kindertagesstätten kommen hier bereits zur Hälfte Bio-Lebensmittel zum Einsatz, tierische Produkte stammen sogar zu 90 % aus ökologischer Haltung. Die Mehrkosten pro Mahlzeit belaufen sich auf lediglich 35 Cent. Ein weiteres Beispiel: Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft möchte den Bioanteil der Kantinen im eigenen Geschäftsbereich von derzeit zehn Prozent auf mindestens 20 % erhöhen.

Es kommt Bewegung in den Markt

Die wachsende Zahl an privaten und staatlichen Initiativen, die sich für Tierwohl und Nachhaltigkeit im Außer-Haus Bereich engagieren, stimmt uns positiv. Die Zahlen zeigen jedoch auch, dass es noch großen Handlungsbedarf gibt und des Engagements Vieler bedarf, um deutliche Fortschritte zu erzielen. Die Schweisfurth Stiftung setzt sich in diesem Bereich bereits seit Jahren für die Sensibilisierung von Politiker*innen und Bürger*innen ein und wird noch in diesem Jahr zwei weitere Betriebe mit der Tierschutz Kochmütze auszeichnen.

Für Interessierte:
Gastro-Tipps im Bio-Einkaufsführer der Bund Naturschutz in Bayern e.V.
5. Münchner Praxisforum „Bio in der Außer-Haus Verpflegung“ am 12. Oktober 2017 im Alten Wirt in Grünwald

Simsseer Weidefleisch eG – eine bäuerlich-handwerkliche Erzeuger- und Verbrauchergemeinschaft

Die Simsseer Weidefleisch eG ist hat sich zum Ziel gesetzt, aus eigenen artgerecht gehaltenen Tieren und denen von Kooperationsbauern Fleisch, Schinken und Würste zu erzeugen und bis auf den Teller des Verbrauchers selbst zu vermarkten. Anfang 2017 wurde der Betrieb fertiggestellt.

 

Karl Ludwig Schweisfurth, Ehrenvorsitzender des Kuratoriums, Metzgermeister, Unternehmer & Autor, Gründer der Schweisfurth Stiftung & der Herrmannsdorfer Landwerkstätten, Begründer der Symbiotischen Landwirtschaft

Herr Schweisfurth, sie kennen ihre Mitgründer Maria und Rudolf Finsterwalder (Unternehmer und Architekten) sowie Jürgen Körber über verschiedenste Projekte der Herrmannsdorfer Landwerkstätten bereits länger. Wie kamen sie gemeinsam auf die Idee der Gründung einer Genossenschaft auf dem Gelände der Landmühle in Stephanskirchen?

Karl Ludwig Schweisfurth: Ich habe zusammen mit Rudolf verschiedene sogenannte „Schlachtfesthäuser“ für Partner geplant, die Unternehmen ähnlich wie Herrmannsdorfer (Link: https://www.herrmannsdorfer.de/) aufgebaut haben. Vor etwa drei Jahren entschied Rudolf, selbst so etwas zu machen, vor allem, weil inzwischen die Idee einer Genossenschaft geboren war und das Landwirtschaftsministerium bereit war, so ein Projekt zu unterstützen: als ein Modell der „Entwicklung der ländlichen Räume“.

Die genossenschaftliche Organisation der Lebens-Mittel-Erzeugung liegt global im Trend. Auch die Anzahl von solidarischen Landwirtschafts-Betrieben (SoLaWis) nimmt weiterhin zu – in Deutschland kann man heute mindestens 145 von ihnen zählen. Viele bauen Gemüse an, teilweise in Kombination mit der Herstellung tierischer Produkte. Welche Vorteile und welche Risiken bringt die Organisation als Genossenschaft für die Erzeugung von tierischen Lebens-Mitteln mit sich?

KLS: Wir machen etwas anderes. Bauern und der Metzger tun sich zusammen, um gemeinsam etwas zu machen, was der Einzelne alleine nicht kann. Und der Charme der Genossenschaft ist es, dass wir die Bürger der Region einladen, als Genosse oder Darlehensgeber mitzumachen, und ein Unternehmen auf die Beine zu stellen, dass von alleine nicht entstehen würde, das aber wie jedes Unternehmen auch scheitern kann.

Der Vertrieb der Lebens-Mittel findet über den eigenen Laden und das Wirtshaus Salettl statt. Transparenz wird groß geschrieben. Die Erzeuger-Gemeinschaft kauft Tiere zu, die dann in der Landmühle geschlachtet und in der Warmfleischmetzgerei verarbeitet werden. Wie kommen die Kooperationen zustande und welche Anforderungen werden an die Bauern in Bezug auf eine artgerechte Tierhaltung gestellt?

KLS: Es wird der Bogen gespannt von der Weide bis auf den Teller. Das bedeutet de facto die Befreiung vom Druck des Systems.
Durch Berichte in den Medien, durch Mund zu Mund und durch Informationsveranstaltungen.

Mit wie vielen Kooperationsbauern arbeitet die Simsseer Weidefleisch eG zusammen?

KLS: Zurzeit drei, mit wachsendem Interesse.

Das Konzept der symbiotischen Weidehaltung ist für die Simsseer Weidefleisch eG Vorbild. Was macht diese Art der Haltung aus? Wo liegen die Herausforderungen?

KLS: Grundbedingung ist die Mitgliedschaft in einem ökologischen Anbauverband. Die Simsseer Weidefleisch eG ist Bio-zertifiziert. Alle Bauern halten ihre Tiere nach den Grundsätzen der symbiotischen Weidehaltung. Das ist die wohl beste Haltungsweise für das Wohlbefinden der Tiere, besonders für Schweine und Hühner. Sie schützen sich und sie nützen sich.

Als Mitglied der Genossenschaft kann ich innerhalb der demokratischen Strukturen mitwirken. Worüber kann ich als Verbraucher abstimmen?

KLS: Die Simsseer Weidefleisch eG betreibt den Geschäftsbetrieb. Daneben gibt es die Simsseer Verbraucher eG, in der das Geld der Bürger angelegt ist. Zwei Vorstände und drei Aufsichtsräte vertreten die Interessen bei der Simsseer Weidefleisch eG.

Findet Ihr Projekt Nachahmer? Wie entwickelt sich Ihrer Meinung nach die genossenschaftliche Produktion von tierischen und nicht-tierischen Lebens-Mitteln?

KLS: Das Projekt gibt es erst seit Anfang des Jahres. Es braucht Zeit und ein ganzheitliches Bewusstsein, das Besondere der Struktur, die einzigartige Geschmacksqualität sowie die ethischen Grundwerte zu verstehen.

Vielen Dank, Herr Schweisfurth!

 

 

Die Fragen stellte Nora Klopp, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Schweisfurth Stiftung

Tierschutz in der Umkleidekabine

Nach der Ölindustrie gilt Mode als das zweitschmutzigste Geschäft der Welt. 2700 Liter Wasser frisst die Produktion eines einzigen T-Shirts, 7000 Liter die Produktion einer Jeans. Drei von vier hergestellten Kleidungsstücken werden jedoch nach einer kurzen Lebensdauer verbrannt oder landen auf dem Müll. Auch die globale Leder­in­dus­trie trägt zur unrühmlichen Bilanz bei: Jährlich werden über eine Milli­arde Tiere geschlachtet und ihre Häute zu Beklei­dung, Schuhen, Modear­ti­keln, Möbeln, Interieur und Acces­soires verar­beitet – oft unter undenkbaren Bedingungen in der Haltung und Verarbeitung. Während die meisten Leder oder Schaffelle zumin­dest Abfälle aus der Fleisch­in­dus­trie sind, werden die Tiere für Edelfelle meistens extra gezüchtet. Laut Tierschutzorganisation PETA landen 40 % der weltweiten Schlachtungen nicht auf dem Teller, sondern dienen einzig der Lederherstellung.

Bisher nur ein Nischenprodukt, versuchen nun immer mehr Modelabels auf umwelt- und tierfreundliche Materialien umzustellen. Denn wer es mit Tierschutz wirklich ernst meint, muss auf dem Teller und in der Umkleidekabine auf nachhaltige und ethische Produktionsbedingungen achten. Wer dabei nur danach auswählt, dass Texti­lien ohne den Einsatz tieri­scher Fasern erzeugt wurden, findet in den Laden­re­galen bereits jetzt eine breite Auswahl. Der Markt­an­teil von Fasern nicht tieri­schen Ursprungs liegt auf dem Weltmarkt derzeit bei über 90 %.

Umweltverschmutzung und Tierleid durch Textilproduktion

Jedoch verursachen auch viele Produkte ohne tierische Fasern bei ihrer Herstel­lung Tierleid: Farb- und Hilfs­mittel werden noch immer in Tierver­su­chen getestet. Klebstoffe bestehen sehr oft aus Inhalts­stoffen, die tieri­schen Ursprungs sind oder ebenfalls an Tieren getestet wurden. Synthetische Fasern wie Polyester bestehen aus Erdöl, das nicht biologisch abbaubar ist und dessen Förderung zu Lasten der Umwelt geht. Auch der konven­tio­nelle Anbau von Pflan­zen­fa­sern hat in manchen Fällen negative Auswirkungen auf die Tierwelt. Nutzin­sekten sterben durch den Einsatz von gentech­nisch verän­dertem Saatgut oder synthe­ti­schen Insek­ti­ziden. Vegan bedeutet somit nicht zwangsläufig öko. Auch bei veganen Kleidungsstücken ist es entscheidend, sich zu informieren und nachzufragen, wie das Produkt hergestellt wurde.

Rhabarber-Leder und ökologische Nutztierhaltung

Wer, statt komplett zu verzichten, auf ökologische und ethische Produkte wechseln möchte, findet auch da einige gute Alternativen. Ein Beispiel ist die Lederproduktion. Betrachtet man diese aus dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit, kann zwischen der ökologischen Gerbung ohne giftige Chromsalze und dem Ursprung der Häute aus ökologischer Nutztierhaltung differenziert werden.

Eines der wenigen deutschen Labels, das sich explizit auf „nachhaltiges Leder“ spezialisiert hat, ist Deepmello.  Statt der mineralischen Gerbung mit toxischen Chromsalzen, die weltweit zu mehr als 80 % eingesetzt wird, nutzt die Marke eine pflanzliche Gerbmethode mit Rhabarberwurzel-Extrakt. Der Rhabarber wird in der Nähe von Magdeburg angebaut, das Leder größtenteils in Bayern hergestellt. Mittelfristig ist Deepmello bestrebt, alle Leder aus Biohäuten herzustellen. „Jedoch muss dafür die Bereitschaft der Kunden größer werden, Naturmerkmale im Leder, zum Beispiel Kampfspuren oder Spuren von Verletzungen, zu akzeptieren“, erklärt Gründerin Anne-Christin Bansleben in einem Interview mit der Zeit.

Orientierungshilfe für KonsumentInnen

Auch bei Textilien aus kontrolliert biolo­gi­schem Anbau müssen strengere Regelungen in der Tierhal­tung eingehalten werden. Orientierungshilfe im Laden bieten dafür Textillabels, wie zum Beispiel der Global Organic Textile Standard (GOTS), der vorschreibt, dass die einge­setzten Fasern zu mindes­tens 70 % aus kontrol­liert biolo­gi­scher Landwirt­schaft stammen müssen. Das Label NATURTEXTIL BEST verlangt sogar 100 % Biofa­sern. Textilien mit dem NATURLEDER IVN Label werden ausschließlich aus Ledern von Tieren der Fleisch­in­dus­trie gefertigt. Der Anbau­ver­band Biokreis bietet als einziges Siegel die Sicher­heit, dass ein Leder von Bio-Tieren stammt. Verbands­zei­chen wie Bioland, Natur­land oder vor allem demeter garantieren ebenfalls strenge Tierwohl-Richtlinien.

Suffizienz: Genügsam gut leben

„Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse – aber nicht für jedermanns Gier.“ Mit diesem berühmten Satz hat Mahatma Gandhi das Prinzip der Suffizienz beschrieben. Suffizient leben bedeutet also: Nur das konsumieren, was man wirklich für ein zufriedenes Leben braucht.
Dieser Ansatz scheint auf den ersten Blick wenig ansprechend. Wer schränkt sich schon gerne freiwillig ein? Dabei kann der Verzicht auf Überflüssiges eine ganz neue Lebensqualität schaffen. Und: Suffizienz ist ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zur Nachhaltigkeit. Sie gehört  zu den erklärten Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen.

Umdenken – und andere überzeugen

Welche Gegenstände in meinem Besitz nutze ich regelmäßig, und welche sind überflüssig? Brauche ich wirklich ein eigenes Auto? Muss es immer das neueste Smartphone sein? Wer sich mit Suffizienz beschäftigt, wird zunächst sein eigenes Konsumverhalten kritisch hinterfragen. Ein wichtiger Schritt, aber ganzheitlich betrachtet nur ein erster Schritt. Damit sich der Gedanke der Suffizienz durchsetzt, braucht es übergreifende gesellschaftliche und politische Veränderungen. Wie einzelne zivilgesellschaftliche und politische Akteure hier aktiv werden können, welche Felder und Strategien sich anbieten, zeigt die digitale Landkarte Suffizienzpolitik von Angelika Zahrnt, BUND-Ehrenvorsitzende und Dominik Zahrnt, Gründer von (r)evolutionäre ideen.

Ein digitales Planungstool für Suffizienzprojekte

Die Landkarte Suffizienzpolitik ist ein webbasiertes Planungs-Werkzeug. Das Online-Tool hilft dabei, suffiziente Ansätze zu entwickeln und praktisch umzusetzen. Es führt Schritt für Schritt durch das komplexe Themenfeld Suffizienzpolitik. So unterstützt die Landkarte bei Kampagnen, Strategieprozessen oder Politikmaßnahmen. Auch Einsteigern in das Thema Suffizienz bietet die Landkarte einen wertvollen Überblick.
Sie interessieren sich für das Thema Suffizienz? Hintergrundinfos zu Suffizienz und zur digitalen Landkarte bietet der Artikel „Sehen, gehen, teilen“ von Angelika und Dominik Zahrnt, erschienen in der Zeitschrift Ökologisches Wirtschaften, Ausgabe 03/2016.

Fleischkonsum von morgen: Video online

Wie sieht der Fleischkonsum von morgen aus?

Dieser Frage widmet sich das  Projekt The Future of Meat. In einer Installation werden fünf mögliche Szenarien und ihre Folgen live erlebbar.
Gar kein Fleisch? Fleisch aus dem Labor? Oder Insekten auf dem Teller?
Spannend, unterhaltsam und informativ ist die von der Schweisfurth Stiftung geförderte Ausstellung.

Wer schon einmal einen kleinen Vorgeschmack haben möchte, kann sich hier das brandneu produzierte Video ansehen.

Übrigens: Die Installation kann man für Veranstaltungen, Präsentationen, Vortragsreihen oder Messen mieten.
Kontakt unter: madelaine@thefutureofmeat.com

Engagement für Verbraucher

Seit 2009 arbeitet die Verbraucherkommission Bayern als unabhängiges Expertengremium für eine stärkere Berücksichtigung von Verbraucherinteressen seitens der bayerischen Politik.

Die Kommissionsmitglieder kommen aus den verschiedensten Branchen und bringen ihre Erfahrungen in der Verbraucherarbeit, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft aktiv in politische Prozesse ein. So begleitet die Kommission durch Stellungnahmen und Empfehlungen die verbraucherpolitische Arbeit der Staatsregierung, etwa bei Fragen zur besseren Kennzeichnung von Lebensmitteln, der Aufklärung von Verbrauchern oder dem besseren Schutz von privaten Daten im Internet.

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Seit 2009 ist Stiftungsvorstand Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald Mitglied der Verbraucherkommission Bayern und seit 2014 ihr Vorsitzender.

The Future of Meat

Wie sieht der Fleischkonsum im Jahr 2050 aus?

Welchen Einfluss hat jeder Einzelne mit seinen individuellen Konsumgewohnheiten auf Tiere, Ressourcen, Klima und Umwelt? Diese Fragen greift „The Future of Meat“ auf. Anna Berlis, die an der niederländischen Universität Hilversum Audiovisual Media studiert, und ihre Schwester Madelaine, angehende Produktdesignerin an der Universität Coburg, haben für ihre Abschlussarbeiten diese Filminstallation über die Zukunft des Fleischkonsums produziert. Damit scheinen die beiden einen Nerv getroffen zu haben: Das Crowdfunding für die Produktion lief im Vorfeld sehr erfolgreich, im Oktober wird das Projekt mit dem Tofutown Green Company Tomorrow Award ausgezeichnet.
In fünf Filmen werden verschiedene Szenarien durchgespielt:

  • Wir essen nur noch Insektenfleisch
  • Wir essen In-Vitro-Fleisch aus dem Labor
  • Wir essen weniger und dafür Bio-Fleisch
  • Wir üben völligen Fleischverzicht oder
  • Wir machen weiter wie bisher und ändern gar nichts.

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Denkanstoß

Die Filme liefen bereits als Installation an den beiden Universitäten Hilversum und Coburg. Geplant sind weitere Vorführungen auf Festivals, Konferenzen und in Hochschulen. „Wir wollen nicht sagen: Das oder das ist die richtige Lösung“, erklärt Madelaine Berlis. „Wir informieren und bringen die Leute dazu, sich mit dem Thema zu beschäftigen.“

Hinschauen!

Demnächst zu sehen ist „The Future of Meat“ in Eindhoven (NL), auf der Dutch Design Week vom 17.-25. Oktober 2015 sowie vom 20.-28. Februar 2016 auf der Munich Creative Business Week in der Alten Kongresshalle in München.

Die Schweisfurth Stiftung unterstützt das Filmprojekt als einer der Hauptsponsoren. 

Wenn Sie sich über das Projekt informieren möchten oder die Installation im Rahmen einer Veranstaltung zeigen möchten, finden Sie hier alles Wissenswerte: www.thefutureofmeat.com sowie facebook.com/thefutureofmeat

 

Kurz-gut

Projektname: The Future of Meat
Startschuss: 2014
Status:
läuft
Wirkungskreis:
global
Zielgruppe:
Verbraucher, Aussteller, Institutionen, Universitäten, Museen, Messen
Maßnahme:
Sponsoring, Kommunikation
Leitung / Ansprechpartner/in: Madelaine Berlis, The Future of Meat
Mehr unter: thefutureofmeat.com

Deutsches Netzwerk für Ernährungsethik DNEE

Mit jeder Kaufentscheidung wird auch eine Wahl für oder gegen die Art und Weise der Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung getroffen. Bei Lebensmitteln gehören zu den entscheidenden Fragen unter anderem: Einsatz von Pestiziden und Antibiotika? Gentechnische Veränderungen im Erbgut? Erhaltung fruchtbarer Böden? Tierwohl? Transportwege? Wir in der Schweisfurth Stiftung sind überzeugt, dass es häufig keine Ja/Nein-Antworten gibt. Es ist unser Anliegen, gemeinsam mit anderen Institutionen Bewusstsein zu schaffen für die Komplexität und Verbundenheit der Zukunftsherausforderungen.

Ist Essen noch Privatsache?

Angesichts gravierender Auswirkungen, die Ernährungsverhalten haben kann, ist jede einzelne Konsumentscheidung auch moralisch relevant.
Ernährungsgerechtigkeit, Intensivtierhaltung, Klimawandel, Ressourcenknappheit, Welthunger − jede Mahlzeit in der globalisierten Welt ist mit Folgen für andere Menschen, Tiere und Umwelt verbunden. Um den vielfältigen ernährungsethischen Fragen nachzugehen, hat die Schweisfurth Stiftung das Deutsche Netzwerk für Ernährungsethik (DNEE) gegründet. DNEE ist eine Plattform zur Vernetzung von Akteuren, die sich mit der ethischen Dimension von Landwirtschaft und Ernährung beschäftigen.

dnee logo
Das Netzwerk fördert den Austausch, regt gesellschaftliche Diskussionen und politische Diskurse an und stellt Informationen rund um die Ethik der Ernährung bereit.

Was gibt es Neues rund um foodethics-Themen? Neuigkeiten, Veranstaltungen und interessante Menschen rund um die Ernährunsethik finden Sie auf dnee.de

 

 

Kurz-gut

Projektname: Deutsches Netzwerk Ernährungsethik
Startschuss: 2008
Status:
läuft
Wirkungskreis:
global
Zielgruppe:
Wissenschaftler, Praktiker und Interessierte, die sich mit Foodethics beschäftigen
Maßnahme:
Trägerschaft
Leitung / Ansprechpartner/in: Isabel Boergen, Schweisfurth Stiftung
Mehr unter: dnee.de