Die internationale Vielfalt des Urban Gardening

„Soll ich die Bohne in meinen Hinterhof in Aleppo pflanzen oder lieber gleich meinen Hunger damit stillen, bevor sie möglicherweise später jemand schneller erntet als ich?“ Vor allem bei konkreten Projekten wurde es besonders spannend auf der von der Schweisfurth Stiftung unterstützten Internationalen Urban Farming Conference in Berlin am 11. und 12. September 2017.

177 Teilnehmende aus 30 Ländern spiegelten die Vielfalt der vertretenen Projekte wider. Marielle Dubbeling von der RUAF Foundation bezeichnete in ihrer Eröffnungsrede diese Vielfalt als Möglichkeit, um auf die unterschiedlichen Herausforderungen beim Urban Gardening individuelle Antworten zu finden.

Urbanes Gärtnern von Berlin bis Rosario

Vor Herausforderungen stehen sowohl die Projekte im globalen Süden, als auch die Teilnehmenden aus dem Norden. So beschrieben zum Beispiel die Mitglieder des Gemeinschaftsgartens Almende Kontor bei der Exkursion auf dem Tempelhofer Feld die Schwierigkeiten, die mit dem Strukturwechsel von einer „freien Gestaltung“ hin zu per Luftbild dokumentierten und nummerierten Beeten verbunden sind.

Mit ganz anderen Problemen beschäftigen sich die Projekte im globalen Süden: Am zweiten Konferenztag lag der inhaltliche Fokus darauf, welche Rolle Urban Farming hier in Krisenzeiten übernimmt, beziehungsweise inwiefern Krisen das urbane Gärtnern fördern. Dies wurde unter anderem in den Beiträgen von Javier Alejandro und Laura Bracalenti aus Rosario/Argentinien oder Zoé Beau von 15th Garden in Syrien deutlich.

Bei der Podiumsdiskussion und auch später bei der Abschlussdiskussion im Fishbowl-Format wurden inhaltliche Spannungen thematisiert, die mit dem Engagement des Nordens im Süden verbunden sein können. Zum Beispiel, wenn Studenten mit dem festen Vorsatz in den Süden reisen, dort etwas nach ihren Vorstellungen ändern zu wollen. Oder bei Projekten, die auf Grund des unterschiedlichen Materialzugangs im Norden und Süden nur bedingt übertragbar sind. Schade, dass kaum Zeit dafür blieb, mehr auf die Impulse, Fragen und Erfahrungen aus dem Publikum einzugehen.

Stadt-Land-Beziehung: eine internationale Herausforderung

Dr. Niels Kohlschütter, Geschäftsführer der Schweisfurth Stiftung, war mit einer interaktiven Präsentation des Stiftungs-Projekts Werkstatt Stadt – Land –Tisch vertreten. Die Werkstätten bieten Akteuren aus Stadt und Land einen Raum, um kreative Ideen, Produkte, soziale Innovationen oder das lokale Netzwerk weiterzuentwickeln. Der Fokus liegt dabei auf einer nachhaltigen Agrar- und Ernährungswirtschaft. Die Gestalterinnen und Mitmacher sind unter anderem Bürger*innen der Region, Landwirt*innen und Gärtner*innen, lokale Initiativen und Projekte, Start-ups, Handwerksbetriebe rund um die Lebensmittelverarbeitung oder Teilnehmende aus Politik und Verwaltung.

Der Vortrag knüpfte thematisch an den Workshop „Vernetzung Stadt-Land“ vom Vortag an: „Spannend! Sowohl der interaktive Einstieg in die Poster-Präsentation, als auch das Projekt Werkstatt Stadt – Land –Tisch an sich“, zeigte sich Martina Kolarek von der Initiative Die Boden Schafft Berlin interessiert, während immer mehr Menschen zu der regen Diskussion dazukamen.

Die Präsentation wird auf der Homepage der Grünen Liga zum Download bereitstehen.

Begeisterte Teilnehmer bei der ersten Mitmach-Konferenz

Rund 150 TeilnehmerInnen kamen am 7. Mai 2017 in Ravensburg zur „Werkstatt Stadt-Land-Tisch: Mitmach-Konferenz zur nachhaltigen Gestaltung der Region Bodensee Oberschwaben“ der Schweisfurth Stiftung und des Vereins wirundjetzt e.V. zusammen. Ziel war es die unterschiedlichsten GestalterInnen der Region zu vernetzen und neue Kooperationen und nächste Schritte zu erarbeiten – und das ist auf beeindruckende Art und Weise gelungen! Neben dem erfolgreichen Erfahrungsaustausch gibt es ganz konkrete Ergebnisse aus der Arbeitsphase: Zum Beispiel den regelmäßigen Humus-Stammtisch in Ravensburg, geplante Solawi-Neugründungen und neue Mitgliedsunternehmen für das Projekt Bürgerkarte. Im Herbst 2017 ist zudem ein gemeinsamer Nachbereitungs-Workshop geplant. Bilder von der Veranstaltung finden Sie auf der Facebook Seite der Schweisfurth Stiftung.

Sonntag 7. Mai 2017, 10:00 Uhr in Ravensburg: Der Schwörsaal im Waaghaus ist gut gefüllt. Rund 150 Personen aus (Land-)Wirtschaft, Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft finden sich zur Mitmach-Konferenz des Vereins wirundjetzt e.V. und der Schweisfurth Stiftung ein. Auf einem belebten „Markt der Herausforderungen und Möglichkeiten“ präsentieren 24 Projekte, Initiativen und Unternehmen ihre Ideen und Konzepte für die Region vom Bodensee über Oberschwaben bis hin ins Allgäu: Über nachhaltige und alternative Landwirtschaftskonzepte wie am Gemeinschaftsstand von vier Solidarischen Landwirtschaften, das Projekt Yes! We Can Farm, Initiativen wie Foodsharing, Urban Gardening Projekte und die Gemeinwohl-Ökonomie oder ein Start-up für CO2-Zertifikate durch nachhaltigen Humus-Aufbau. Alle greifen das Themenfeld „Nachhaltig leben“ auf ihre Art und Weise auf.

Kernteam plus Schweisfurth Stiftung

Die Mitmach-Konferenz ist das Ergebnis einer langen Vorbereitung. Seit Herbst 2016 organisierte ein Kernteam aus regionalen Initiativen und Einzelpersonen rund um wirundjetzt e.V. die Konferenz komplett ehrenamtlich. Unterstützt haben die Veranstaltung viele regionale Kooperationspartner und einige Sponsoren, sowie die Regionalen Netzstellen Nachhaltigkeit – RENN.süd. Die Schweisfurth Stiftung übernahm die Projektentwicklung und koordinierte die Konferenz federführend mit den regionalen Partnern.

Eröffnet wurde die Konferenz durch das Grußwort von Veerle Buytaert, Klimaschutzmanagerin des Gemeindeverbandes Mittleres Schussental und Leiterin der Stabsstelle Klimaschutz der Stadt Ravensburg. In Vertretung für den Schirmherren der Veranstaltung, Dr. Daniel Rapp, Oberbürgermeister der Stadt Ravensburg, spannte Frau Buytaert den Bogen von der globalen Agenda-2030 der Vereinten Nationen, bis hin zum Engagement für den Klimaschutz in der Region Bodensee-Oberschwaben. Im nächsten Programmpunkt lernten die TeilnehmerInnen in vier Impulsvorträgen spannende und innovative Projekte aus der Region kennen: Von der Bedeutung des Bodens und der nachhaltigen Bewirtschaftung von Land durch die Kulturland Genossenschaft, über alternative Konzepte am Beispiel der solidarischen Landwirtschaft, ein neues Konzept einer Bürgeraktiengesellschaft für die Region durch die Regionalwert AG, bis hin zur regionalen Ökonomie am Beispiel des sozial-innovativen Kundenbindungsprojektes der Bürgerkarte.

Anschließend wurde in Kleingruppen an Thementischen zu aktuellen Herausforderungen im Themenfeld „Nachhaltig leben“ gearbeitet. Insgesamt 14 Initiativen und Unternehmen beteiligten sich daran. Konkrete Ergebnisse des ergiebigen Austausches sind unter anderem: ein regelmäßiger Humus-Stammtisch, mehrere geplante Solawi-Neugründungen, drei neue Mitgliedsunternehmen für das Projekt Bürgerkarte, ein Filmprojekt zum Thema Humus-Zertifikate-Handel, ein Nachbereitungs-Workshop für die Mitmach-Konferenz – und ganz nebenbei wurde die Vermarktungsfrage für ein Bruderhahn-Projekt gelöst.

Zudem wurde deutlich, dass die Vernetzung und der öffentliche Auftritt für die KlimaschutzmanagerInnen aus der Region große Vorteile bringen und ihre Arbeit vorantreibt. „Die Teilnahme an der Mitmachkonferenz hat uns fundamental gestärkt. Es hat uns ermöglicht in kurzer Zeit konkrete und gezielte Fortschritte zu machen, unser Netzwerk auszubauen und unsere Kompetenzen weiter zu entwickeln“, sagt Veerle Buytaert, Leiterin der Stabsstelle Klimaschutz der Stadt Ravensburg, nach der Konferenz.

„Es ist schön zu sehen, dass wir mit der Veranstaltung auf ein konkretes Bedürfnis der regionalen Initiativen eingehen konnten. Viele haben sich diesen Raum zum Zusammenkommen und gemeinsamen Arbeiten gewünscht“, so Matthias Middendorf, Leiter des Projekts „Werkstatt Stadt-Land-Tisch“ der Schweisfurth Stiftung. Eine positive Bilanz zieht auch Simon Neitzel, Vorstand von wirundjetzt e.V., der die Veranstaltung gemeinsam mit Matthias Middendorf organisiert hat: „Die vielen Projekte sind bekannter und glaubwürdiger geworden. Es konnte eine Begegnung auf Augenhöhe stattfinden. Einige haben neue Kooperationspartner gefunden und alle Projekte haben bessere Voraussetzungen für die Zukunft“.

Im Nachgang der Mitmach-Konferenz finden verschiedene Informationsveranstaltungen, Workshops, Fortbildungen, Stammtische, Aktionen und Beratungstreffen der teilnehmenden Initiativen statt. Alle Termine und AnsprechpartnerInnen werden fortlaufend über die Homepage von wirundjetzt e.V. kommuniziert und an alle TeilnehmerInnen per E-Mail geschickt. „Nun gilt es die entstandenen Ideen und Kooperationsmöglichkeiten weiter voranzutreiben“, so Matthias Middendorf. Dafür ist im Herbst ein gemeinsamer Nachbereitungs-Workshop für die LeiterInnen der Thementische und weitere interessierte Personen geplant.

Die Schweisfurth Stiftung wird das Format in andere Regionen übertragen und freut sich über Anfragen und Angebote von Regionen und Kooperationspartnern.

Bauernhof braucht Region – Region braucht Bauernhof

„Ist das ein Schaf oder ein Wollschwein?“ – so lautete die erste Frage der Kinder als wir mit dem Auto auf den Breitenwegerhof bei Freiburg im Breisgau fuhren. Die Antwort gab Betriebsleiterin Katharina Goetjes wenig später bei der Hofführung mit 25 bunt gemischten Teilnehm enden. Auf Initiative der Schweisfurth Stiftung und in Kooperation mit RegioWerk trafen sich am 4. April 2017 Menschen mit unterschiedlichen beruflichen und privaten Hintergründen aus und rund um Freiburg. Ziel war es, neue Möglichkeiten zu entdecken, die sowohl dem Hof helfen, als auch den Bedürfnissen der Menschen aus der Region gerecht werden. Sprich, die Beziehung zwischen Stadt und Land zu stärken.

Hof braucht Region

Der erste Teil der Werkstatt Stadt-Land-Tisch stand unter dem Blickwinkel „Hof braucht Region“. Während der Hofführung wurde direkt erlebbar, was die Menschen, die am Hof arbeiten leisten. Die Kälber auf dem Breitenwegerhof dürfen morgens und abends direkt am Euter der Mutter oder einer Amme trinken. So kommen sie in den Genuss von wichtigen sozialen Kontakten, die ein Eimer mit Milch als „Trinkstelle“ nicht bieten kann. Eindrucksvoll war der Vergleich verschiedener Hühnerrassen. Einerseits die Hybridhühner mit einer hohen Legeleistung, die jedoch nicht vermehrt werden können. Andererseits gleich nebenan das Zweinutzungshuhn der Rasse „Le Bleues“. Diese legen zwar weniger Eier, setzen dafür aber etwas mehr Fleisch an, sodass sie sich auch als Masthuhn eignen. Trotz der Zweinutzung müsste ein Ei der Rasse „Le Bleues“ nach aktuellen Berechnungen des Breitenwegerhofes das Doppelte kosten, um wirtschaftlich zu sein. Im Rahmen einer Seminararbeit an der Universität Freiburg ist eine ausführliche Datenerhebung und betriebswirtschaftliche Berechnung geplant.

Ausmisten, Käseschmieren und Treckerfahren

Eine Besonderheit der „Werkstatt Stadt – Land – Tisch“ in Südbaden war, dass vier Erfahrungsbotschafter im Vorfeld die Möglichkeit hatten, jeweils einen Tag auf dem Hof mitzuarbeiten – vom Ausmisten, Käseschmieren bis hin zum Treckerfahren. Ihre unmittelbaren Eindrücke vom Hofleben und dem Reichtum, der in der Beziehung zum Land liegt, waren wertvolle Beiträge, die den Workshop-Tag bereichert haben. „Mein romantisches Bild der Landwirtschaft wurde zerstört, aber gleichzeitig habe ich mich selten so glücklich und zufrieden gefühlt wie am Ende dieses Tages“, so einer der Botschafter.

Region braucht Hof

Im zweiten Teil der Werkstatt Stadt-Land-Tisch war die Kreativität der Teilnehmenden gefragt. Der Fokus lag auf den Fragen: Was wünscht sich die Region vom Hof? Wie können sich die Menschen der Region am Hof miteinbringen? Aus der Vorarbeit und der Hofführung haben sich folgende Themenfelder herauskristallisiert:

  • „Soziale Landwirtschaft“ (z.B. Arbeit mit Menschen mit Behinderungen oder Personen mit Burnout)
  • praktische „Mitmach-Aktionen“ auf dem Hof
  • Potentiale für „neue Geschäftsmodelle“ (z.B. Frozen Joghurt in Demeter Qualität)
  • „Region braucht Hof“ (Verbindung von Einkauf und Erlebnis, Ursprung der Lebensmittel aufzeigen)

Es geht weiter

Als wir abends vorbei an den Mangalitza Wollschweinen nach Hause fuhren, wurden die neu-entwickelten Ideen und Konzepte eifrig diskutiert. In Kleingruppen werden die gehobenen Möglichkeiten für Region und Hof konkretisiert. Anfang Mai geht es weiter. Interessierte sind herzlich willkommen und können sich bei werkstatt@regio-werk.de oder werkstatt@schweisfurth-stiftung.de melden.

Ein neues altes Konzept – die Solawi

Bisher nimmt die solidarische Landwirtschaft, kurz Solawi, nur eine Nische im gewerblichen Anbau von Gemüse und Ackerbau ein. Zum Weltbodentag 2016 am 5. Dezember können in Deutschland 117 Betriebe gezählt werden, die sich unter dem Begriff zusammenfassen lassen – von der Gemeinschaftsgärtnerei Wildwuchs in Gehrden im Umland von Hannover und dem Hof Hollergraben in Schönwalde, über den Lindenhof in Gelsenkirchen bis hin zum Kartoffelkombinat in München. Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft hat sich zum Ziel gesetzt, die solidarische Landwirtschaft von seinem Nischendasein zu befreien, Neugründungen anzuregen und zu fördern sowie bestehende Höfe mit Rat und Tat zu unterstützen. Das basisdemokratische und partizipativ organisierte Netzwerk ist ein Zusammenschluss von Menschen, die sich für die Solawi engagieren und die Bewegung mitgestalten wollen.

Global, saisonal und genügsam zugleich?

Die Wiege der Solawi liegt in Japan, wo sie unter dem Namen Teikei bekannt ist. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Phänomen zunehmend ausgebreitet. Im englischsprachigen Raum ist es als Community Supported Agriculture kurz CSA und in Frankreich als Associations pour le maintien d’une agriculture paysanne (AMAP) bekannt. Weltweit lässt sich ein Wachstum der Bewegung verzeichnen, vornehmlich im Gemüseanbau. Um eine veritable Alternative zu werden, muss jedoch ein Umdenken auf breiterer Basis stattfinden, hin zu mehr Suffizienz. Suffizienz (lateinische sufficere) bedeutet in diesem Sinne freiwillig, also aus Einsicht, die Ressourcen zu schonen und sich auf das Notwendige zu beschränken. Die Beschränkung würde mit Blick auf die Solawi bedeuten, dass nicht alles immer verfügbar sein kann, sondern Lebensmittel je nach Saison angeboten werden.

Von Transparenz, Ressourcen und Verantwortung

Die Solawi für die Masse ist somit an bestimmte Voraussetzungen geknüpft: Sie erfordert neben der genannten Einsicht des Einzelnen eine Änderung des grundlegenden Wertemusters – weg von dem Streben nach Quantität hin zu mehr Qualität. Denn der Anbau jenseits der Massenproduktion ist zeit- und damit auch kostenintensiv. Bisher nicht kalkulierte Kosten durch Umweltverschmutzung oder soziale Missstände werden bei der Solawi allerdings berücksichtigt und somit durch Produktions- und Konsumänderungen vermeidbar. Die Produkte, zumeist ökologisch hergestellt, haben daher einen anderen Wert – in Bezug auf die Nährstoffdichte aber auch was die gesellschaftliche Verantwortung des Einzelnen für Mitmensch und Mitgeschöpfe angeht. Die regionale Produktion schont zudem Ressourcen, und das nicht nur durch kürzere Lagerung und Transportwege.

Franz-Theo Gottwald zur Solawi im ZDF

Zur Sendung „Die Kürbis-Flatrate – Wie eine alte Idee die Landwirtschaft belebt“, Teil der Dokumentationsreihe planet e. des ZDFs, hat Prof. Franz-Theo Gottwald das Phänomen Solawi aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet.

DORV belebt Dörfer neu

In Deutschland grassiert das Dorfsterben: Drei Viertel aller Gemeinden verlieren Einwohner. Immer mehr junge Menschen zieht es in die Städte. Die Älteren bleiben zurück und haben mit fehlender Infrastruktur, der Abwanderung von Arbeitsplätzen, schwindenden Einkaufsmöglichkeiten und sozialer Vereinsamung zu kämpfen. Postamt, Metzger, Bäcker und der Dorfgasthof sind in vielen Dörfern längst verschwunden. Dafür fressen sich Gewerbegebiete, in denen sich die immer gleichen Ketten ansiedeln in die Naturräume rund um Städte: Parkplatz- und Asphaltwüsten prägen das Bild.

Tante Emma kehrt heim
Das Projekt DORV (Dienstleistung und Ortsnahe Rundum Versorgung) tritt dem Dorfsterben entgegen. Das Prinzip ist einfach: Vor Ort wird ein DORV-Zentrum geschaffen, eine Art moderner Tante-Emma-Laden, der Lebensmittel, Dienstleistungen, soziale und medizinische Dienste anbietet. Außerdem werden hier Kommunikations- und Kulturangebote organisiert, die das soziale Leben im Ort bereichern. Hier können sich insbesondere die nicht (mehr) mobilen Menschen und die jungen Familien im Ort rundum versorgen und auch soziale Kontakte pflegen.

Multifunktionale Nahversorgung
Brot, Fleisch, Gemüse und andere Dinge des täglichen Bedarfs kaufen, Autos an- und ummelden, Geld abheben, Reisen buchen, Post aufgeben, Kaffee trinken, Kleidung zur Annahme für die Reinigung bringen: All das können die Bürger in einem DORV-Zentrum wohnortnah erledigen. Um sicherzustellen, dass Angebot und Nachfrage zusammenpassen, werden die Dorfbewohner schon bei der Planung des Zentrums von Projekt DORV nach ihren Wünschen und Bedürfnissen befragt. So werden die Menschen vor Ort als dauerhafte Nutzer*innen und Kunden*innen gewonnen. Die Rundum-Versorgung hat viele Vorzüge: Sie stärkt die regionale Identität und schafft wohnortnahe Arbeitsplätze. Durch die Vermarktung regionaler Produkte von ortsansässigen Landwirten bleibt die Wertschöpfung im Ort. Dorfwirtschaften und Cafés mit Kulturangeboten fördern außerdem das Gemeinschaftsgefühl, neue Einwohner finden schneller Anschluss.

Kooperation gefragt
Der Aufbau eines DORV-Zentrums verlangt nicht nur Koordination, sondern auch Kooperation. Gewerbetreibende, Kirchen und Sozialverbände sind gefragt, gemeinsam zu überlegen, was vor Ort gebraucht wird und wie es sich gemeinsam mit den Bürger*innen umsetzen lässt. Ein Kompetenzteam von Projekt DORV prüft anschließend mit einer Bedarfsanalyse die Voraussetzungen für die Einrichtung eines DORV-Zentrums. Während der Entstehung und auch im laufenden Betrieb beraten die DORV-Experten die Betreiber. So wird der langfristige Erfolg des jeweiligen Zentrums gesichert. Seit 2004 sind bundesweit 25 solcher Nahversorgungseinrichtungen entstanden. Weitere sind in Planung, auch in den Nachbarländern Österreich, Frankreich und in den Niederlanden. Dass dieses Konzept nicht nur im ländlichen Raum funktioniert, zeigt sich derzeit in einem Pilotprojekt. Das Quartvier-Zentrum in der 90.000-Einwohner-Stadt Düren (NRW) befindet sich bereits in der Umsetzung.

 

Kurz-gut

Projektname: DORV-Zentrum
Startschuss:
2004
Status:
läuft
Wirkungskreis:
lokal, regional
Zielgruppe:
Dörfer und Stadtviertel
Maßnahme:
Belebung des ländlichen Raumes, multifunktionale Nahversorgung
Leitung / Ansprechpartner/in:
Heinz Frey, DORV, frey@dorv.de
Mehr unter:
www.dorv.de bzw. www.quartvier.de

 

Backzutaten der Zukunft: Regionale Produkte und altbewährte Rezepte

Niemand backt so gut wie Oma: Diese Küchenweisheit macht sich das soziale Start-up-Unternehmen Kuchentratsch aus München zunutze. Seniorinnen backen hier im Auftrag Kuchen, Torten & Co. – und können sich so etwas zu ihrer Rente dazuverdienen. Gleichzeitig nehmen sie aktiv am gesellschaftlichen Leben teil und lernen neue Leute kennen.

Süß auf Bestellung
Die Gründerinnen Katharina Mayer und Katrin Blaschke starteten den Backbetrieb vor rund zwei Jahren, gleich nach Ihrem erfolgreichen Studienabschluss. Zielgruppe sind neben Bäckereien und Privatleuten Firmenkunden, die für Veranstaltungen oder Konferenzen über die Internetseite www.kuchentratsch.com Torten und Kuchen bestellen können. Auch Teamevents veranstalte Kuchentratsch seit kurzem. Gruppen von bis zu 20 Leuten können unter der professionellen Anleitung der Omas ihren Lieblingskuchen backen – vom Schokokuchen über Nussecken und Linzer Torte bis zur Apfeltart. Auch auf spezielle Kundenwünsche wie vegane, laktose-, und glutenfreie Kuchen können die Damen auf Anfrage eingehen.

Rohstoffe von regionalen Lieferanten
Dabei verfolgt Kuchentratsch eine in allen Belangen auf Nachhaltigkeit und kurze Lieferwege ausgerichtete Philosophie. Deshalb verwenden die Omas ausschließlich regionale und nachhaltige Zutaten: Die Eier liefert jeden Mittwoch Bauer Josef aus Tiefenbach, das Biomehl kommt aus Landshut und die Milchprodukte stammen aus artgerechte Haltung von Kühe im Bayrischen Voralpenland. So kann man es sich mit gutem Gewissen schmecken lassen!

Kritischer Agrarbericht 2016: Wachstum im Öko-Landbau

Der ökologische Landbau in Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte. Seit Jahren wächst der Markt für Bio-Produkte, immer mehr Flächen werden ökologisch bewirtschaftet. 2014 wurden hierzulande über eine Million Hektar von mehr als 23.000 Öko-Betrieben nach ökologischen Richtlinien bestellt — das sind 6,3 Prozent der deutschen Agrarflächen.

Wachsen oder weichen – auch bei bio
Die Zahlen zeigen: Bio ist längst der Nische entwachsen. Nun geht es darum, das Wachstum zu gestalten, möchte man nicht dieselben Fehler wie in der konventionellen Landwirtschaft machen. Denn dort gilt nach wie vor: Wachsen oder weichen. Große Betriebe werden immer größer, getrieben vom Rationalisierungsdruck, gefangen im Korsett der Effizienz- und Produktionssteigerung. Kleine Betriebe können dem Druck oft nicht standhalten und müssen aufgeben. Auch bei Bio droht diese Entwicklung, wenn der Ökolandbau nicht ein tragfähiges Leitbild für seine zukünftige Entwicklung formuliert. Das mahnt Franz-Theo Gottwald in seinem Beitrag „Welches Wachstum passt zum Ökolandbau?“ im Kritischen Agrarbericht 2016.

Werte im Vordergrund
Dieses Leitbild solle den Wachstumsbegriff neu definieren. Statt quantitativem ist qualitatives Wachstum gefragt, das sich an den Werten des Ökolandbaus orientiert. Das Leitbild müsse gesellschaftliche Debatten und Forderungen aufgreifen, wie etwa bei Fragen zu Tierzucht, Tiergesundheit und Tierwohl, zum Klimawandel oder zum fairen Handel. Außerdem gelte es, für die Biobranche innovative technikgestützte Konzepte hinsichtlich der Produktion, Verarbeitung und Vermarktung von Biolebensmitteln zu entdecken. Viele weitere Beiträge im Kritischen Agrarbericht stehen ebenfalls unter dem Schwerpunktthema Wachstum.

Abbild der agrarpolitischen Debatte
Der Kritische Agrarbericht wird seit 1993 alljährlich vom AgrarBündnis e.V. herausgegeben und von der Schweisfurth Stiftung gefördert. Der Bericht dokumentiert jeweils alle Themen der agrarpolitischen Debatte eines Jahres vor dem Hintergrund der europäischen und weltweiten Entwicklung. Der Kritische Agrarbericht 2016 wird am 14. Januar um 10 Uhr in einer Pressekonferenz auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin vorgestellt.

Ausgaben der Vorjahre können auf der Internetseite des Kritischen Agrarberichts als PDF heruntergeladen werden.