Ein neues altes Konzept – die Solawi

Bisher nimmt die solidarische Landwirtschaft, kurz Solawi, nur eine Nische im gewerblichen Anbau von Gemüse und Ackerbau ein. Zum Weltbodentag 2016 am 5. Dezember können in Deutschland 117 Betriebe gezählt werden, die sich unter dem Begriff zusammenfassen lassen – von der Gemeinschaftsgärtnerei Wildwuchs in Gehrden im Umland von Hannover und dem Hof Hollergraben in Schönwalde, über den Lindenhof in Gelsenkirchen bis hin zum Kartoffelkombinat in München. Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft hat sich zum Ziel gesetzt, die solidarische Landwirtschaft von seinem Nischendasein zu befreien, Neugründungen anzuregen und zu fördern sowie bestehende Höfe mit Rat und Tat zu unterstützen. Das basisdemokratische und partizipativ organisierte Netzwerk ist ein Zusammenschluss von Menschen, die sich für die Solawi engagieren und die Bewegung mitgestalten wollen.

Global, saisonal und genügsam zugleich?

Die Wiege der Solawi liegt in Japan, wo sie unter dem Namen Teikei bekannt ist. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Phänomen zunehmend ausgebreitet. Im englischsprachigen Raum ist es als Community Supported Agriculture kurz CSA und in Frankreich als Associations pour le maintien d’une agriculture paysanne (AMAP) bekannt. Weltweit lässt sich ein Wachstum der Bewegung verzeichnen, vornehmlich im Gemüseanbau. Um eine veritable Alternative zu werden, muss jedoch ein Umdenken auf breiterer Basis stattfinden, hin zu mehr Suffizienz. Suffizienz (lateinische sufficere) bedeutet in diesem Sinne freiwillig, also aus Einsicht, die Ressourcen zu schonen und sich auf das Notwendige zu beschränken. Die Beschränkung würde mit Blick auf die Solawi bedeuten, dass nicht alles immer verfügbar sein kann, sondern Lebensmittel je nach Saison angeboten werden.

Von Transparenz, Ressourcen und Verantwortung

Die Solawi für die Masse ist somit an bestimmte Voraussetzungen geknüpft: Sie erfordert neben der genannten Einsicht des Einzelnen eine Änderung des grundlegenden Wertemusters – weg von dem Streben nach Quantität hin zu mehr Qualität. Denn der Anbau jenseits der Massenproduktion ist zeit- und damit auch kostenintensiv. Bisher nicht kalkulierte Kosten durch Umweltverschmutzung oder soziale Missstände werden bei der Solawi allerdings berücksichtigt und somit durch Produktions- und Konsumänderungen vermeidbar. Die Produkte, zumeist ökologisch hergestellt, haben daher einen anderen Wert – in Bezug auf die Nährstoffdichte aber auch was die gesellschaftliche Verantwortung des Einzelnen für Mitmensch und Mitgeschöpfe angeht. Die regionale Produktion schont zudem Ressourcen, und das nicht nur durch kürzere Lagerung und Transportwege.

Franz-Theo Gottwald zur Solawi im ZDF

Zur Sendung „Die Kürbis-Flatrate – Wie eine alte Idee die Landwirtschaft belebt“, Teil der Dokumentationsreihe planet e. des ZDFs, hat Prof. Franz-Theo Gottwald das Phänomen Solawi aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet.

Land-Wende

Die Konzentration der Landwirtschaft, die in den kommunistischen Ländern unter Zwang und Gewalt herbeigeführt wurde, lief und läuft im Westen in dieselbe Richtung. Doch was ist hier das wirkende Prinzip? Genau das untersucht Michael Beleites, Publizist und Gärtner, in seinem aktuellen Buch Land-Wende.

Der Verdrängungs-Wettbewerb; die Logik vom „Wachsen oder Weichen“ der Höfe, hebelt soziale und ökologische Beziehungen aus und ist Motor wirtschaftlichen Wachstums. Was aber, wenn die Grenzen des Wachstums erreicht sind – und der Motor weiterläuft? Ausgehend von einer fundamentalen Kritik an Selektionslehre und Wettbewerbs-Logik beleuchtet Beleites die Krise der Landwirtschaft.

Die Konzentration der Landwirtschaft, die in den kommunistischen Ländern unter Zwang und Gewalt herbeigeführt wurde, lief und läuft im Westen in dieselbe Richtung. Doch was ist hier das wirkende Prinzip?

Es ist die Idee des Verdrängungs-Wettbewerbs, die Logik vom „Wachsen oder Weichen“ der Höfe. Dieses System überlässt die Vernichtung des Bauernstandes den Bauern selbst: Sie sind in einen Existenzkampf von Landwirt gegen Landwirt hineingestellt. Das ist eine strukturelle Gewalt, die keinen Polizeistaat braucht, weil sich unter diesen Verhältnissen die Bauern gegenseitig den Boden wegnehmen – solange, bis nur noch wenige Großbetriebe übrig sind.

Die Angst, im allgemeinen Wettrennen zurückzubleiben ist so groß, dass schlicht keiner mehr danach fragt, wohin diese Rennbahn eigentlich führt; ob es überhaupt irgendwo ein Ziel gibt. Wettbewerb war und ist der Motor eines von den realen Bedürfnissen entkoppelten wirtschaftlichen Wachstums. Was aber, wenn die Grenzen des Wachstums erreicht sind – und der Motor weiterläuft? Was, wenn keiner weiß, wie man ihn abstellen kann? Dann kommt es unweigerlich zum Crash.

Wollen wir dem Desaster entgehen, so müssen wir die Logik des Wettbewerbs näher betrachten; uns anschauen, wo sie eigentlich her kommt, wie sie auf uns und in uns wirkt und wie sie unser Umfeld beeinflusst. Auf dem Feld der Landwirtschaft zeigt es sich deutlicher als in anderen Bereichen: Für zukunftsfähige Konzepte ist Wettbewerb ein falsches Leitbild. Wettbewerb hebelt soziale und ökologische Beziehungen aus. Wettbewerb desintegriert.

Wettbewerb nötigt die Menschen dazu, jedes menschliche Maß auszublenden und das natürliche Maß unserer Umweltverhältnisse zu ignorieren. Der Wettbewerb bewirkt und rechtfertigt Maßlosigkeit. Da der im Wettbewerb stehende Mensch zwangsläufig auf eine Übervorteilung gegenüber anderen aus ist, wird der Grundwert des Vertrauens systematisch abgeschliffen. Ein „fairer Wettbewerb“ ist so etwas wie ein gebratener Schneeball.

Fragt man nach den theoretischen und ethischen Grundlagen des Verdrängungswettbewerbs, so wird man auf Darwins Selektionslehre eines allgegenwärtigen „Kampfes um’s Dasein“ verwiesen. Die Logik von „Fressen oder gefressen werden“ sei ein „Naturgesetz“ und dem könne sich auch der Mensch nicht entziehen.

Die Selektionslehre ist von Anfang an zur Rechtfertigung der kapitalistischen Verhältnisse instrumentalisiert worden – um diese als naturgesetzlich und alternativlos hinzustellen. Darwin hatte ja die frühkapitalistischen Verhältnisse Englands in die Natur hineinprojiziert. Diese falsche Naturanschauung ist dann tausendfach auf die menschliche Gesellschaft zurückgespiegelt worden. Dass sich die Lebenswelt der Menschen zusehends in ein von Wirtschaftsinteressen dominiertes Konkurrenzgeschehen verwandelte, hat man mit dem Verweis auf Darwin als „natürlich“ vermittelt – und schließlich auch so angesehen.

Die Wettbewerbs-Logik ist jedoch ebenso naturwidrig, wie die biologische Selektionslehre, auf die sie sich stützt. Wer meint, dass die Kohlmeisen ihren schwarzen und die Blaumeisen ihren blauen Scheitel deswegen hätten, weil ihnen das Vorteile im „Kampf um’s Dasein“ brächte, ist einer haltlosen Irrlehre verfallen.

Aus dieser falsch verstandenen Biologie wurde die Wettbewerbs-Logik in die Ökonomie übertragen und von dort aus ist sie in alle Gesellschaftsbereiche eingedrungen. Im Idealfall ist eine Gesellschaft jedoch wie ein Organismus verfasst, dessen „Organe“ zum gegenseitigen Vorteil und zum Wohle des Ganzen zusammenarbeiten – und nicht danach trachten, sich gegenseitig zu verdrängen. Die Zukunft liegt nicht im Verdrängungs-Wettbewerb, sondern in einer Kooperation und Integration, die das Ganze im Blick hat.

Das Buch „Land-Wende“ betrachtet nicht nur die fatalen Folgen des Wettbewerbssystems in der Landwirtschaft, sondern auch dessen Ursachen. Es untersucht die Wettbewerbs-Logik dort, wo sie herkommt: in der Biologie. Eine biologisch-ökologische Analyse kommt zu dem Schluss, dass die wichtigsten Grundannahmen der Selektionslehre nicht länger haltbar sind. Nicht Kampf und Konkurrenz erhalten oder verändern die Arten, sondern die Teilhabe an der innerartlichen und zwischenartlichen Kommunikation, die Integration in natürliche Ökosysteme, der freie Zugang zu natürlichen Umweltinformationen jeder Art; kurz: die Umweltresonanz.

Wie wollen wir rauskommen aus der Wettbewerbsfalle? Bestehende alternative Konzepte, wie die solidarische Landwirtschaft, die Permakultur, das Gärtnerhof-Konzept oder der traditionelle Kleinbauernhof werden auf ihre Eignung für eine enkeltaugliche Landwirtschaft überprüft. Um von billigem Öl unabhängig zu werden, müssen die Selbstversorgungsfähigkeiten der Regionen gestärkt werden.

Eine Wende zu einer überlebensfähigen Gesellschaft braucht keine neuen Expertisen, sondern erprobte Praxisfelder. Die Praxis für diese Wende muss auf dem Land entwickelt werden und die Wegbereiter dieser Land-Wende brauchen „Boden unter den Füßen“. Für die Herausbildung einer regionalen Versorgungssouveränität ist ein Netzwerk von zur Selbstversorgung fähigen ökologischen Kleinbauernhöfen nötig – die als Kristallisationskeime einer zukunftsfähigen Gesellschaft wirksam werden können.

Die überfällige Agrar-Wende wird als eine Land-Wende aufgezeigt, die den Dorfbewohnern Versorgungssouveränität und Lebensqualität zurückgibt. So eröffnen sich Wege in eine von Wachstum unabhängige Gesellschaft, die Wettbewerb durch Kooperation ersetzt. Schlüssel zum Erfolg: Land und ein Grundeinkommen für Selbstversorger.

Zum Weiterlesen:
Michael Beleites (2016): Land-Wende. Raus aus der Wettbewerbsfalle! Metropolis-Verlag, Marburg