Die internationale Vielfalt des Urban Gardening

„Soll ich die Bohne in meinen Hinterhof in Aleppo pflanzen oder lieber gleich meinen Hunger damit stillen, bevor sie möglicherweise später jemand schneller erntet als ich?“ Vor allem bei konkreten Projekten wurde es besonders spannend auf der von der Schweisfurth Stiftung unterstützten Internationalen Urban Farming Conference in Berlin am 11. und 12. September 2017.

177 Teilnehmende aus 30 Ländern spiegelten die Vielfalt der vertretenen Projekte wider. Marielle Dubbeling von der RUAF Foundation bezeichnete in ihrer Eröffnungsrede diese Vielfalt als Möglichkeit, um auf die unterschiedlichen Herausforderungen beim Urban Gardening individuelle Antworten zu finden.

Urbanes Gärtnern von Berlin bis Rosario

Vor Herausforderungen stehen sowohl die Projekte im globalen Süden, als auch die Teilnehmenden aus dem Norden. So beschrieben zum Beispiel die Mitglieder des Gemeinschaftsgartens Almende Kontor bei der Exkursion auf dem Tempelhofer Feld die Schwierigkeiten, die mit dem Strukturwechsel von einer „freien Gestaltung“ hin zu per Luftbild dokumentierten und nummerierten Beeten verbunden sind.

Mit ganz anderen Problemen beschäftigen sich die Projekte im globalen Süden: Am zweiten Konferenztag lag der inhaltliche Fokus darauf, welche Rolle Urban Farming hier in Krisenzeiten übernimmt, beziehungsweise inwiefern Krisen das urbane Gärtnern fördern. Dies wurde unter anderem in den Beiträgen von Javier Alejandro und Laura Bracalenti aus Rosario/Argentinien oder Zoé Beau von 15th Garden in Syrien deutlich.

Bei der Podiumsdiskussion und auch später bei der Abschlussdiskussion im Fishbowl-Format wurden inhaltliche Spannungen thematisiert, die mit dem Engagement des Nordens im Süden verbunden sein können. Zum Beispiel, wenn Studenten mit dem festen Vorsatz in den Süden reisen, dort etwas nach ihren Vorstellungen ändern zu wollen. Oder bei Projekten, die auf Grund des unterschiedlichen Materialzugangs im Norden und Süden nur bedingt übertragbar sind. Schade, dass kaum Zeit dafür blieb, mehr auf die Impulse, Fragen und Erfahrungen aus dem Publikum einzugehen.

Stadt-Land-Beziehung: eine internationale Herausforderung

Dr. Niels Kohlschütter, Geschäftsführer der Schweisfurth Stiftung, war mit einer interaktiven Präsentation des Stiftungs-Projekts Werkstatt Stadt – Land –Tisch vertreten. Die Werkstätten bieten Akteuren aus Stadt und Land einen Raum, um kreative Ideen, Produkte, soziale Innovationen oder das lokale Netzwerk weiterzuentwickeln. Der Fokus liegt dabei auf einer nachhaltigen Agrar- und Ernährungswirtschaft. Die Gestalterinnen und Mitmacher sind unter anderem Bürger*innen der Region, Landwirt*innen und Gärtner*innen, lokale Initiativen und Projekte, Start-ups, Handwerksbetriebe rund um die Lebensmittelverarbeitung oder Teilnehmende aus Politik und Verwaltung.

Der Vortrag knüpfte thematisch an den Workshop „Vernetzung Stadt-Land“ vom Vortag an: „Spannend! Sowohl der interaktive Einstieg in die Poster-Präsentation, als auch das Projekt Werkstatt Stadt – Land –Tisch an sich“, zeigte sich Martina Kolarek von der Initiative Die Boden Schafft Berlin interessiert, während immer mehr Menschen zu der regen Diskussion dazukamen.

Die Präsentation wird auf der Homepage der Grünen Liga zum Download bereitstehen.

Simsseer Weidefleisch eG – eine bäuerlich-handwerkliche Erzeuger- und Verbrauchergemeinschaft

Die Simsseer Weidefleisch eG ist hat sich zum Ziel gesetzt, aus eigenen artgerecht gehaltenen Tieren und denen von Kooperationsbauern Fleisch, Schinken und Würste zu erzeugen und bis auf den Teller des Verbrauchers selbst zu vermarkten. Anfang 2017 wurde der Betrieb fertiggestellt.

 

Karl Ludwig Schweisfurth, Ehrenvorsitzender des Kuratoriums, Metzgermeister, Unternehmer & Autor, Gründer der Schweisfurth Stiftung & der Herrmannsdorfer Landwerkstätten, Begründer der Symbiotischen Landwirtschaft

Herr Schweisfurth, sie kennen ihre Mitgründer Maria und Rudolf Finsterwalder (Unternehmer und Architekten) sowie Jürgen Körber über verschiedenste Projekte der Herrmannsdorfer Landwerkstätten bereits länger. Wie kamen sie gemeinsam auf die Idee der Gründung einer Genossenschaft auf dem Gelände der Landmühle in Stephanskirchen?

Karl Ludwig Schweisfurth: Ich habe zusammen mit Rudolf verschiedene sogenannte „Schlachtfesthäuser“ für Partner geplant, die Unternehmen ähnlich wie Herrmannsdorfer (Link: https://www.herrmannsdorfer.de/) aufgebaut haben. Vor etwa drei Jahren entschied Rudolf, selbst so etwas zu machen, vor allem, weil inzwischen die Idee einer Genossenschaft geboren war und das Landwirtschaftsministerium bereit war, so ein Projekt zu unterstützen: als ein Modell der „Entwicklung der ländlichen Räume“.

Die genossenschaftliche Organisation der Lebens-Mittel-Erzeugung liegt global im Trend. Auch die Anzahl von solidarischen Landwirtschafts-Betrieben (SoLaWis) nimmt weiterhin zu – in Deutschland kann man heute mindestens 145 von ihnen zählen. Viele bauen Gemüse an, teilweise in Kombination mit der Herstellung tierischer Produkte. Welche Vorteile und welche Risiken bringt die Organisation als Genossenschaft für die Erzeugung von tierischen Lebens-Mitteln mit sich?

KLS: Wir machen etwas anderes. Bauern und der Metzger tun sich zusammen, um gemeinsam etwas zu machen, was der Einzelne alleine nicht kann. Und der Charme der Genossenschaft ist es, dass wir die Bürger der Region einladen, als Genosse oder Darlehensgeber mitzumachen, und ein Unternehmen auf die Beine zu stellen, dass von alleine nicht entstehen würde, das aber wie jedes Unternehmen auch scheitern kann.

Der Vertrieb der Lebens-Mittel findet über den eigenen Laden und das Wirtshaus Salettl statt. Transparenz wird groß geschrieben. Die Erzeuger-Gemeinschaft kauft Tiere zu, die dann in der Landmühle geschlachtet und in der Warmfleischmetzgerei verarbeitet werden. Wie kommen die Kooperationen zustande und welche Anforderungen werden an die Bauern in Bezug auf eine artgerechte Tierhaltung gestellt?

KLS: Es wird der Bogen gespannt von der Weide bis auf den Teller. Das bedeutet de facto die Befreiung vom Druck des Systems.
Durch Berichte in den Medien, durch Mund zu Mund und durch Informationsveranstaltungen.

Mit wie vielen Kooperationsbauern arbeitet die Simsseer Weidefleisch eG zusammen?

KLS: Zurzeit drei, mit wachsendem Interesse.

Das Konzept der symbiotischen Weidehaltung ist für die Simsseer Weidefleisch eG Vorbild. Was macht diese Art der Haltung aus? Wo liegen die Herausforderungen?

KLS: Grundbedingung ist die Mitgliedschaft in einem ökologischen Anbauverband. Die Simsseer Weidefleisch eG ist Bio-zertifiziert. Alle Bauern halten ihre Tiere nach den Grundsätzen der symbiotischen Weidehaltung. Das ist die wohl beste Haltungsweise für das Wohlbefinden der Tiere, besonders für Schweine und Hühner. Sie schützen sich und sie nützen sich.

Als Mitglied der Genossenschaft kann ich innerhalb der demokratischen Strukturen mitwirken. Worüber kann ich als Verbraucher abstimmen?

KLS: Die Simsseer Weidefleisch eG betreibt den Geschäftsbetrieb. Daneben gibt es die Simsseer Verbraucher eG, in der das Geld der Bürger angelegt ist. Zwei Vorstände und drei Aufsichtsräte vertreten die Interessen bei der Simsseer Weidefleisch eG.

Findet Ihr Projekt Nachahmer? Wie entwickelt sich Ihrer Meinung nach die genossenschaftliche Produktion von tierischen und nicht-tierischen Lebens-Mitteln?

KLS: Das Projekt gibt es erst seit Anfang des Jahres. Es braucht Zeit und ein ganzheitliches Bewusstsein, das Besondere der Struktur, die einzigartige Geschmacksqualität sowie die ethischen Grundwerte zu verstehen.

Vielen Dank, Herr Schweisfurth!

 

 

Die Fragen stellte Nora Klopp, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Schweisfurth Stiftung

Call for Papers zur Tagung „Ernährung kehrt in die Stadt zurück – Innovative Ansätze urbaner Food Governance“

Das Netzwerk Ernährungskultur (Esskult.net) & die Schweisfurth Stiftung/Deutsches Netzwerk Ernährungsethik (DNEE) laden Wissenschaftler/innen und Interessierte zur Tagung nach Fulda ein. Vom 9.-11. November 2017 stehen an der Hochschule Fulda urbane Ernährungssysteme und ihre Rolle in der kommunalen Nachhaltigkeits-Governance im Fokus. Ziel der Tagung ist es, neue Ansätze und Konzepte einer urbanen Food Governance zu beleuchten sowie ihre Potenziale und Grenzen auszuloten und zu diskutieren.

Wer kann am Call for Papers teilnehmen?

Eingeladen sind Wissenschaftler/innen unterschiedlicher Fachdisziplinen, wie Soziologie, Politikwissenschaften, Kulturwissenschaften, Ethnografie, Geschichtswissenschaften oder Geografie. Wir möchten vor allem Nachwuchswissenschaftler/innen auffordern, sich mit wissenschaftlich-theoretischen oder praxisorientierten-empirischen Beiträgen zu bewerben.

Bis 15. Juni 2017 können Abstracts mit max. 2.500 Zeichen zu den folgenden Fragestellungen rund um das Thema urbane Food Governance eingereicht werden:

  • Auf welche Probleme, gesellschaftliche Herausforderungen und Bedarfe reagieren die Projekte und Initiativen einer urbanen Food Governance?
  • In welchem Verhältnis definieren sie sich zur etablierten kommunalen Politik und anderen Stakeholdern (z. B. Ernährungswirtschaft)?
  • Welche Ziele verfolgen sie und welche Lösungsansätze stellen sie vor?
  • Welche Rolle spielen hierbei Konzepte, wie soziale Innovationen, Postkapitalismus / Postwachstum oder gesellschaftliche Transformation?
  • Mit welchen Herausforderungen sind die Projekte und Initiativen konfrontiert?
  • Welche Akzeptanz und welchen Zuspruch finden sie in der Bevölkerung?
  • Mit welchen alternativen Wertvorstellungen sind sie verbunden?
  • Inwieweit spielt hierbei die Integration Geflüchteter eine Rolle?

Genauere Informationen finden Sie im offiziellen Call for Papers.

Urban Food Governance

Veränderte Rahmenbedingungen im 21. Jahrhundert (wie globalisierter Handel von Lebens- und Futtermitteln, Urbanisierung oder Auswirkungen des Klimawandels) und neue Ansprüche der Konsument/innen in den westlichen Industrieländern (wie Nachhaltigkeit und Fairness) führen dazu, dass sich die städtische Lebensmittelversorgung grundlegend wandelt und die Ernährungspolitik in die Stadt „zurückkehrt“. Internationale Initiativen wie beispielsweise der Milan Urban Food Policy Pact appellieren an Kommunen und andere Stakeholder, die integrative Funktion des Themas Ernährung als Treiber für Stadtentwicklungsziele – wie Armutsbekämpfung, Klimaschutz, Gesundheit, Raumplanung und Bildung – zu nutzen, Projekte im Bereich der lokalen Lebensmittelproduktion zu fördern und urban-regionale Ernährungsstrategien zu entwickeln.

Ernährung kehrt in die Stadt zurück – Innovative Ansätze urbaner Food Governance
Termin: 9.-11. November 2017
Ort: Hochschule Fulda
Call for Papers: einzureichen bis spätestens 15. Juni 2017

Begeisterte Teilnehmer bei der ersten Mitmach-Konferenz

Rund 150 TeilnehmerInnen kamen am 7. Mai 2017 in Ravensburg zur „Werkstatt Stadt-Land-Tisch: Mitmach-Konferenz zur nachhaltigen Gestaltung der Region Bodensee Oberschwaben“ der Schweisfurth Stiftung und des Vereins wirundjetzt e.V. zusammen. Ziel war es die unterschiedlichsten GestalterInnen der Region zu vernetzen und neue Kooperationen und nächste Schritte zu erarbeiten – und das ist auf beeindruckende Art und Weise gelungen! Neben dem erfolgreichen Erfahrungsaustausch gibt es ganz konkrete Ergebnisse aus der Arbeitsphase: Zum Beispiel den regelmäßigen Humus-Stammtisch in Ravensburg, geplante Solawi-Neugründungen und neue Mitgliedsunternehmen für das Projekt Bürgerkarte. Im Herbst 2017 ist zudem ein gemeinsamer Nachbereitungs-Workshop geplant. Bilder von der Veranstaltung finden Sie auf der Facebook Seite der Schweisfurth Stiftung.

Sonntag 7. Mai 2017, 10:00 Uhr in Ravensburg: Der Schwörsaal im Waaghaus ist gut gefüllt. Rund 150 Personen aus (Land-)Wirtschaft, Verwaltung, Politik und Zivilgesellschaft finden sich zur Mitmach-Konferenz des Vereins wirundjetzt e.V. und der Schweisfurth Stiftung ein. Auf einem belebten „Markt der Herausforderungen und Möglichkeiten“ präsentieren 24 Projekte, Initiativen und Unternehmen ihre Ideen und Konzepte für die Region vom Bodensee über Oberschwaben bis hin ins Allgäu: Über nachhaltige und alternative Landwirtschaftskonzepte wie am Gemeinschaftsstand von vier Solidarischen Landwirtschaften, das Projekt Yes! We Can Farm, Initiativen wie Foodsharing, Urban Gardening Projekte und die Gemeinwohl-Ökonomie oder ein Start-up für CO2-Zertifikate durch nachhaltigen Humus-Aufbau. Alle greifen das Themenfeld „Nachhaltig leben“ auf ihre Art und Weise auf.

Kernteam plus Schweisfurth Stiftung

Die Mitmach-Konferenz ist das Ergebnis einer langen Vorbereitung. Seit Herbst 2016 organisierte ein Kernteam aus regionalen Initiativen und Einzelpersonen rund um wirundjetzt e.V. die Konferenz komplett ehrenamtlich. Unterstützt haben die Veranstaltung viele regionale Kooperationspartner und einige Sponsoren, sowie die Regionalen Netzstellen Nachhaltigkeit – RENN.süd. Die Schweisfurth Stiftung übernahm die Projektentwicklung und koordinierte die Konferenz federführend mit den regionalen Partnern.

Eröffnet wurde die Konferenz durch das Grußwort von Veerle Buytaert, Klimaschutzmanagerin des Gemeindeverbandes Mittleres Schussental und Leiterin der Stabsstelle Klimaschutz der Stadt Ravensburg. In Vertretung für den Schirmherren der Veranstaltung, Dr. Daniel Rapp, Oberbürgermeister der Stadt Ravensburg, spannte Frau Buytaert den Bogen von der globalen Agenda-2030 der Vereinten Nationen, bis hin zum Engagement für den Klimaschutz in der Region Bodensee-Oberschwaben. Im nächsten Programmpunkt lernten die TeilnehmerInnen in vier Impulsvorträgen spannende und innovative Projekte aus der Region kennen: Von der Bedeutung des Bodens und der nachhaltigen Bewirtschaftung von Land durch die Kulturland Genossenschaft, über alternative Konzepte am Beispiel der solidarischen Landwirtschaft, ein neues Konzept einer Bürgeraktiengesellschaft für die Region durch die Regionalwert AG, bis hin zur regionalen Ökonomie am Beispiel des sozial-innovativen Kundenbindungsprojektes der Bürgerkarte.

Anschließend wurde in Kleingruppen an Thementischen zu aktuellen Herausforderungen im Themenfeld „Nachhaltig leben“ gearbeitet. Insgesamt 14 Initiativen und Unternehmen beteiligten sich daran. Konkrete Ergebnisse des ergiebigen Austausches sind unter anderem: ein regelmäßiger Humus-Stammtisch, mehrere geplante Solawi-Neugründungen, drei neue Mitgliedsunternehmen für das Projekt Bürgerkarte, ein Filmprojekt zum Thema Humus-Zertifikate-Handel, ein Nachbereitungs-Workshop für die Mitmach-Konferenz – und ganz nebenbei wurde die Vermarktungsfrage für ein Bruderhahn-Projekt gelöst.

Zudem wurde deutlich, dass die Vernetzung und der öffentliche Auftritt für die KlimaschutzmanagerInnen aus der Region große Vorteile bringen und ihre Arbeit vorantreibt. „Die Teilnahme an der Mitmachkonferenz hat uns fundamental gestärkt. Es hat uns ermöglicht in kurzer Zeit konkrete und gezielte Fortschritte zu machen, unser Netzwerk auszubauen und unsere Kompetenzen weiter zu entwickeln“, sagt Veerle Buytaert, Leiterin der Stabsstelle Klimaschutz der Stadt Ravensburg, nach der Konferenz.

„Es ist schön zu sehen, dass wir mit der Veranstaltung auf ein konkretes Bedürfnis der regionalen Initiativen eingehen konnten. Viele haben sich diesen Raum zum Zusammenkommen und gemeinsamen Arbeiten gewünscht“, so Matthias Middendorf, Leiter des Projekts „Werkstatt Stadt-Land-Tisch“ der Schweisfurth Stiftung. Eine positive Bilanz zieht auch Simon Neitzel, Vorstand von wirundjetzt e.V., der die Veranstaltung gemeinsam mit Matthias Middendorf organisiert hat: „Die vielen Projekte sind bekannter und glaubwürdiger geworden. Es konnte eine Begegnung auf Augenhöhe stattfinden. Einige haben neue Kooperationspartner gefunden und alle Projekte haben bessere Voraussetzungen für die Zukunft“.

Im Nachgang der Mitmach-Konferenz finden verschiedene Informationsveranstaltungen, Workshops, Fortbildungen, Stammtische, Aktionen und Beratungstreffen der teilnehmenden Initiativen statt. Alle Termine und AnsprechpartnerInnen werden fortlaufend über die Homepage von wirundjetzt e.V. kommuniziert und an alle TeilnehmerInnen per E-Mail geschickt. „Nun gilt es die entstandenen Ideen und Kooperationsmöglichkeiten weiter voranzutreiben“, so Matthias Middendorf. Dafür ist im Herbst ein gemeinsamer Nachbereitungs-Workshop für die LeiterInnen der Thementische und weitere interessierte Personen geplant.

Die Schweisfurth Stiftung wird das Format in andere Regionen übertragen und freut sich über Anfragen und Angebote von Regionen und Kooperationspartnern.

Land, Landschaft, Landwirtschaft 2071

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. Hubert Wiggering und Dr. Dietmar Schallwich, Universität Potsdam

2017 – 2071! Nicht nur ein Zahlendreher, sondern zwei Blickrichtungen, nach vorne und zurück. Wie gehen wir heute und wie werden wir im Jahre 2071 mit unserem Land, mit unserer Landschaft umgehen? Gewiss ist, dass auch 2071 die Landwirtschaft noch die vorrangige Flächennutzerin sein wird. Aber welche Landwirtschaft wird das sein? Diese Debatte erhitzt bereits heute die wissenschaftliche Diskussion wie auch die landwirtschaftliche Praxis und die Politik. Gerade letztere müsste dabei aufzeigen, wo es langgehen soll und damit gegebenenfalls Wahrheiten aussprechen, die auch mal wehtun können. Der zunehmend industriell ausgerichteten Landwirtschaft steht eine eher kleinstrukturierte, auf familiären Betrieben fußende Landwirtschaft entgegen. Der Fachbegriff würde Agrikultur lauten, ein besonders treffender Begriff, da er die Kultur gleich mit umfasst. Geht diese Kultur bei der industriellen Landwirtschaft verloren?

Zudem wird nicht ganz ohne Grund behauptet, dass die Landwirtschaft auch voll­ständig auf den Ökolandbau umgestellt werden und immer noch eine wachsende Erd­bevölkerung ernähren könnte.

Wo müssen wir umdenken?

Wenn wir etwa über zu wenig Anbaufläche sprechen, implizieren wir immer, dass wir bei unseren jetzigen Ernährungsgewohnheiten bleiben und die Fläche dabei vor allem für den Anbau von Futtermitteln benötigen. Aber Verhaltensänderungen und Lebensstile sind für den einzelnen Menschen und für die Politik gleichermaßen ein schwieriges Thema.

Auch kommen die verschiedenen Facetten der urbanen landwirtschaftlichen Produktion, vom Gärtnern bis zum wirklichen Landwirtschaften, auf den innerstädtischen Flächen und vor allem vertikal, auf dem Balkon oder an der Hauswand. Diese Entwicklung ist nicht zu unterschätzen. Gleichwohl werden größere Mengen an Getreide und anderen Feldfrüchten auch künftig in der Fläche, im ländlichen Raum produziert werden.
Dabei geht es auch immer wieder um die zukünftige Entwicklung der ländlichen Räume, um Kulturlandschaften – eine besondere Verantwortung nicht nur der Land-, sondern auch der Stadtbevölkerung!

Landwirtschaft 4.0 – die Digitalisierung ist nicht mehr wegzudenken

Über allem liegt die Diskussion um die fortschreitende Digitalisierung, die die Landwirtschaft ganz besonders (be-)trifft. In der Landwirtschaft 4.0. steuert der Landwirt über eine entsprechende Netzinfrastruktur den gesamten Produktionsprozess mittels seines Tablets oder Smartphones – ein cyberphysisches System also, kurz CPS. Das sind komplexe Softwaremodule, die mit Sensoren und Geräten vernetzt sind und kontinuierlich große Datenmengen aus allen möglichen Prozesssegmenten erfassen, auswerten und dabei verdichten und mit örtlichen Geodaten verschneiden, sprich veredeln. Am Ende stehen keine Rohdaten, sondern Smart Data, die in Echtzeit über meist drahtlose Kommunikationseinrichtungen ins globale Netz eingespeist und für die weiteren Entscheidungs- und Steuerungsprozesse zur Verfügung gestellt werden, welche ihrerseits mehr und mehr autonom, also ohne Eingriff des Menschen, ablaufen. Das passiert dann alles nicht mehr im ländlichen Betrieb, sondern irgendwo in der sogenannten Cloud.

Der Beruf Landwirt im klassischen Sinne hat sich dieser digitalen Entwicklung – im Jahr 2071 – längst angepasst. Die Landwirtschaft teilt sich in terrestrische, aquatische und vielleicht auch schon extraterrestrische Landwirtschaft auf, jeweils horizontal und vertikal gegliedert. Die Entscheidungen bezüglich der Produktion werden im Detail nicht mehr vom Management des jeweiligen landwirtschaftlichen Industriebetriebes getroffen, sie werden in Form einer „erweiterten Realität“ (augmented reality) über ein „Agrotablet“ an die Agronomen übermittelt und allenfalls noch mit einem OK quittiert, wenn nicht übergeordnete strategische Interessen etwas anderes vorgeben. Aus der Vielzahl und Vielfalt der Daten (Big Data) zu betriebsspezifischen Rahmenbedingungen, konkreten Standortgegebenheiten und aktuellem jahreszeitlichen Wetterverlauf sind präzise Handlungsempfehlungen geworden, in die auch bereits hochgerechnete Marktanalysen und mögliche konkurrierende Nutzungsinteressen eingeflossen sind. Der Landwirt als Produzent und Vermarkter muss sich darum nicht mehr kümmern, sondern verfolgt sie allenfalls aus Interesse. Im Jahr 2017 mag es uns etwas eigenartig anmuten, dass so ein Agrotablet unaufgefordert mit dem Landwirt Kontakt aufnimmt und Veränderungen über den Zustand der landwirtschaftlich genutzten Flächen, Produktionstürme oder Aquakulturen und die entsprechenden Reaktionen und Maßnahmen darauf nur noch mitteilt, aber 2071 wundert sich darüber niemand mehr. Die Landwirtschaft hat sich mit allem, was dazu gehört, auf die Digitalisierung eingelassen. Die Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette – ausgehend von der Primärproduktion, bis in alle Facetten der Veredelung – sind in Echtzeit verfolgbar.

Flächennutzung im Jahr 2071

Bereits Landwirtschaft 4.0, insbesondere aber Landwirtschaft 7.0 basiert auf einer in sich konsistenten landwirtschaftlichen Infrastruktur. Um die Stadt herum werden ringförmig Felder zum Anbau von Pflanzen als Energielieferanten angelegt, die die primäre Aufgabe haben, die aus neuartigen Abwassersystemen gewonnenen „Schlämme“ zu reinigen und als Ressource nutzbar zu machen. Von dort aus werden Energierohstoffe etwa in Form von Biogas zurück in die Stadt geführt. Gärreste wie konzentrierte Biogasgülle werden durch Umkehr­osmose ausgefiltert und fließen als Nährstoffe ins weitere Umland, wo im nächsten Ring vor allem jenes Gemüse angebaut wird, das nicht für die Kultivierung in den vertikalen Produktionstürmen oder auf den Dachgärten und Freiflächen in der Stadt geeignet ist. Diesem Ring schließt sich ein weiterer mit klassischer, flächenbezogener Landwirtschaft an. Die Produktionsschwerpunkte passen sich dabei den lokalen natürlichen Gegebenheiten an, d. h. auf besseren Böden wird Ackerbau (ohne Tierhaltung) betrieben, gefolgt von Grünlandgebieten mit Tierbestand. Eine solche Entwicklung ist nicht nur bis 2071 denkbar, sondern wir sind mancherorts schon heute auf dem Weg dahin.

Digitale Technik erhöht dabei zweifelsohne die Ressourceneffizienz in der Landwirtschaft, gewährleistet eine stärker umweltschonende Produktion und gleichzeitig eine bessere Qualität der landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Die Umweltprobleme von heute wird es nicht mehr geben, vielleicht oder sicherlich dafür neue. Skandale um Lebensmittel- und Versorgungssicherheit werden auch ganz anders aussehen. Wie? Es wird immer stärker um Sabotage und Eingriffe in die Systemabläufe gehen; terroristische Anschläge, seien sie politisch oder kommerziell motiviert, erobern eine neue Aktionsebene – der neue Begriff ist Cyberkriminalität.

Was passiert mit den kleinbäuerlichen Strukturen?

Landwirtschaft 4.0 und Smart Farming findet oft schon in den Hinterhöfen der Wohn­siedlungen statt, aber auch draußen auf dem Bauernhof und auf dem Acker. Die Land­wirtschaft wird im Zuge der Digitalisierung durch eine Reihe von Intensivierungs- und Modernisierungsprozessen zu einer industriellen Wirtschaftsform. Es wird für Pro­duzenten wie Konsumenten teilweise schwer zu akzeptieren sein, was da bereits passiert und noch passieren wird.

Die Pflege der bäuerlichen Kulturlandschaft wird allenthalben gleichgesetzt mit dem Erhalt der kleinbäuerlichen Struktur aus vielen kleinen familiären Betrieben. Diese können jedoch in dem System Landwirtschaft 4.0 kaum noch bestehen, es sei denn, sie finden immer wieder Nischen für sich. Wird es auch eine Rückbesinnung auf die traditionelle bäuerliche Landwirtschaft geben? Vielleicht ist ein Nebeneinander die Lösung dieses Konfliktes: Neben den klassischen familiären Betrieben bekennt sich die Landwirtschaft dazu, ein Industriezweig zu sein, der höchst innovativ auf den Märkten mitmischt, regional und global, im Jahr 2071.



All dies sind Facetten der Diskussion um die zukünftige Landwirtschaft, die in dem Buch „Land, Landschaft, Landwirtschaft 2071“ aufgegriffen und in einer Erzählung miteinander verwoben werden, auch um die jeweiligen Zusammenhänge und Wechselbeziehungen aufzuzeigen. Manchmal geschieht dies subtil, manchmal provokativ, manchmal auch im Detail analysierend, und immer können Sie sich Ihr Urteil daraus ableiten. In der Erzählung helfen Ihnen dabei Personen, die als Politiker, Wissenschaftler, Berater, Landwirte, Lebensmittelhändler oder einfach als Privatpersonen auftreten. Letztlich müssen wir uns in der Realität aber unabhängig vom Urteil der fiktiven Personen entscheiden, welche Landwirtschaft wir zukünftig wollen. Denn Kühe können auch im 37. Stockwerk eines landwirtschaftlichen Produktionsturmes nach allen vorgeschriebenen Regeln als Nutztiere gehalten werden, wegen oder trotz aller Diskussion um das Tierwohl. Am Ende des Tages müssen aber Sie entscheiden, ob Sie das wollen oder nicht.

„Weiter wie bisher ist keine Option!“ hieß es bereits im letzten Weltagrarbericht der Vereinten Nationen.

Das Buch zeigt auf, wie vielschichtig die Überlegungen zur Landwirtschaft und zur zukünftigen Produktion von Nahrungsmitteln sind. Auch wenn wir uns oft selbst im Wege stehen, gibt es immer Lösungen. Und wir werden in die Verantwortung genommen. Das gilt gleichermaßen für die Landwirte als Primärproduzenten, für die Veredelungsindustrie wie für uns alle als Konsumenten. Dies gilt aber auch für die Wissen­schaftler, die vielen Berater und die Politiker, die zukünftig einfach nur die richtigen Entscheidungen treffen müssen. Bereits heute lässt sich erahnen, wie schwierig dies auch im Jahre 2071 sein wird, wenn die Landwirtschaft und die Welt sich dramatisch verändert haben werden.

Das Buch „Land, Landschaft, Landwirtschaft 2071“ wurde im Rahmen der von der Schweisfurth Stiftung herausgegebenen Buchreihe „Agrarkultur im 21. Jahrhundert“ gefördert. Es ist 2017 im metropolis Verlag erschienen und hier erhältlich.

Gemeinsam für eine lebenswerte und nachhaltige Region Bodensee

Die erste Mitmach-Konferenz des Ravensburger Vereins wirundjetzt e.V. und der Münchner Schweisfurth Stiftung, lädt Initiativen und Engagierte aus Zivilgesellschaft, (Land-) Wirtschaft, Politik und Verwaltung, sowie alle interessierte Bürgerinnen und Bürger am 7. Mai nach Ravensburg zur Vernetzung und Mitarbeit für eine zukunftsweisende, lebenswerte und nachhaltige Region Bodensee-Oberschwaben ein.

Zahlreiche regionale Initiativen, Vereine und Unternehmen engagieren sich seit Jahren unabhängig voneinander auf unterschiedliche Weise für einen sozial-ökologischen Wandel. Die Mitmach-Konferenz bietet allen Akteuren einen Raum und die Plattform, um den gemeinsamen Erfahrungsschatz zu heben, neue Ideen zu sammeln, an Herausforderungen zu arbeiten und so gemeinsam noch höhere Wirkung für die Region zu entfalten.

Impulsvorträge und Erfahrungsaustausch
Mehr als 100 Aktive aus Zivilgesellschaft, (Land-)Wirtschaft, Politik und Verwaltung kommen am 7. Mai von 10:00-18:00 Uhr in Ravensburg zur „Mitmach-Konferenz zur nachhaltigen Gestaltung der Region Bodensee-Obrschwaben“ zusammen. In vier Impulsvorträgen erhalten die Teilnehmenden Einblicke in die regionalen Projekte Kulturland Genossenschaft, Solidarische Landwirtschaft Ravensburg e.V., Initiative für eine Regionalwert AG und das Projekt Bürgertaler. Der Nachmittag steht ganz unter dem Motto Mitmachen. An Thementischen sollen die Herausforderungen, Zukunftsvisionen und Möglichkeiten zur Einbindung von BürgerInnen diskutiert werden. „Wir möchten diese einmalige Gelegenheit nutzen, um mit Kollegen, Freunden und interessierten BürgerInnen über vielversprechende Projekte zu diskutieren und neue Ideen zu sammeln“, sagt Simon Neitzel vom wirundjetzt e.V. Mit dabei sein werden Vertreter von: Bürgerkarte, yes we can farm, ReWiG Allgäu eG, weiteren solidarischen Landwirtschaften aus der Region, sowie diverse Vertreter von Nachhaltigkeitsakteuren, Vereinen und Verbänden. Die Schirmherrschaft hat Dr. Daniel Rapp – Oberbürgermeister der Stadt Ravensburg inne.

 

 

 

 

 

 

Das Projekt Stadt-Land-Tisch
Mitorganisator Matthias Middendorf, Projektleiter bei der Schweisfurth Stiftung, zum Hintergrund: „Die Idee zur Konferenz entstand bei einem Weiterbildungsseminar. Im Gespräch mit Aktiven wurde deutlich, dass es großen Bedarf an Vernetzung und Austausch zwischen den vielen erfolgreichen Projekten in der Region gibt. Unser Ziel ist es, Synergien aufzudecken, neue Kooperationen zu initiieren und das Schwarmwissen aller Teilnehmenden zu nutzen“.

Die Konferenz ist bereits das vierte Veranstaltung der Reihe „Werkstatt Stadt – Land –Tisch“ der Schweisfurth Stiftung. Im Frühjahr fanden bereits Workshop-Formate in Ulm, Freiburg und Altheim statt. Weitere Termine sind in Planung. Der Name Stadt-Land-Tisch ist dabei Programm: Es gilt Menschen aus der Stadt und vom Land an einen Tisch zu bringen, neue Perspektiven zu entdecken und gemeinsam konkrete Lösungsschritte für ökologische, soziale und kulturelle Herausforderungen zu finden. Die persönlichen Erfahrungen der Teilnehmenden aus der Praxis stehen im Vordergrund.

Das vollständige Programm finden Sie in dem Flyer zum Download als PDF.

Die kostenlose Anmeldung zur Mitmach-Konferenz Bodensee ist bis 2. Mai unter dem Anmeldeformular auf dieser Seite möglich: http://www.schweisfurth-stiftung.de/stadt-land-tisch/bodensee/

 

Nachhaltigkeit leben und stärken – Auftakt von RENN.süd

Sie verkaufen krummes Gemüse in Kantinen und retten es so vor dem Unterpflügen; Sie setzen auf Gemeinschaft und Verantwortung statt auf Marktwirtschaft; Sie backen gemeinsam mit SeniorInnen Kuchen und helfen ihnen so zum Anschluss an die Gesellschaft: Initiativen wie foodsharing, Querfeld und Kuchentratsch oder Projekte der solidarischen Landwirtschaft gestalten unser lokales Ernährungssystem neu und bringen frischen Wind in starre Systeme. Genau diese Dynamiken standen bei der Auftaktveranstaltung von RENN.süd im Zentrum des Workshops „Soziale Innovationen in der Landwirtschaft“ der Schweisfurth Stiftung.

 
Die vom Rat für Nachhaltige Entwicklung neu eingerichteten Regionalen Netzstellen Nachhaltigkeitsstrategien in Süddeutschland (RENN.süd) bieten den vielen verschiedenen Akteuren und Initiativen, die sich in Bayern und Baden-Württemberg für ein nachhaltiges Leben engagieren, eine Plattform zum Austausch. Ziel ist es, ihr Engagement über Veranstaltungen oder Weiterbildungen zu fördern und zu verbreiten. Der Fokus der Aktivitäten liegt hierbei auf kleineren Kommunen und ländlichen Gemeinden. Der Startschuss von RENN.süd erfolgte am 11. März 2017 in Ulm. Die Schweisfurth Stiftung hat die Auftaktveranstaltung „Forum für Initiativen rund um nachhaltiges Leben“ mit einem Workshop-Beitrag mitgestaltet.

 
Im Workshop mit dem Titel „Soziale Innovationen in der Landwirtschaft“ haben sich die TeilnehmerInnen mit den aktuell spannenden Dynamiken in der Land- und Ernährungswirtschaft beschäftigt. In allen Bereichen, ob Erzeugung, Verarbeitung, Handel oder auf Netzwerkebene, lassen sich Projekte und Unternehmungen beobachten, die versuchen, gesellschaftlichen und ökologischen Problemen kreativ zu begegnen. Beispiele sind die über 130 deutschen Betriebe der solidarischen Landwirtschaft, die innovativen Projekte gegen Lebensmittelverschwendung wie foodsharing und das Start-up Querfeld, die Sozialunternehmen Kuchentratsch und nearbees oder die sogenannten Ernährungsräte, welche seit letztem Jahr in einigen deutschen Städten das lokale Ernährungssystem mitgestalten.

 

Gruppenarbeitsphase

Das Ziel der verschiedenen, parallel stattfindenden Workshops war es, die alltäglichen Herausforderungen der Akteure zu identifizieren: Wo besteht überregionaler Unterstützungsbedarf? Wo und wie kann RENN.süd unterstützend und fördernd wirken? Als Hemmnisse nannten die TeilnehmerInnen zum Beispiel, dass sich wenig neue Akteure in den Projekten engagieren und wenig Austausch mit der Politik stattfindet. Für viele Projekte ist es zudem notwendig, sich weiter zu professionalisieren. Schließlich wünschen sich viele Initiativen mehr Wertschätzung, vor allem von öffentlichen Stellen. Vom überregionalen Austausch zu unterschiedlichen Schwerpunktthemen und Bereichen erhoffen sich die TeilnehmerInnen mehr „inhaltliche Tiefe“ für ihre Arbeit.

 

„Ich setze auf den Erfolg der RENN.
Nachhaltigkeit ist – trotz der komplexen Inhalte – sehr einfach:
Menschen in den Mittelpunkt stellen, langfristiges Denken ermutigen,
Ungewohntes möglich machen.“
Prof. Dr. Günther Bachmann, Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung

Die Ergebnisse aus den insgesamt 14 verschiedenen Workshops werden nun im Nachgang aufbereitet und der identifizierte Bedarf aufgegriffen, damit die Veranstaltung Wirkung zeigt. RENN.süd wird in den nächsten Jahren als Kooperationspartner unterstützend bei Veranstaltungen, Publikationen, Ausstellungen und ähnlichen Aktionen auftreten. In Kürze werden die Bedingungen für Kooperationen veröffentlicht. Die nächste Möglichkeit zur Mitgestaltung des Netzwerks bietet sich am 18. Mai bei einem Strategieworkshop in Ulm. Interessierte Nachhaltigkeitsakteure können sich hierfür bei den AnsprechpartnerInnen anmelden. Eine Zusammenarbeit mit RENN.süd ist für alle Initiativen und Akteure interessant, die sich mit Fragestellungen rund um das Thema „nachhaltig leben“ beschäftigen, zur Bewusstseinsbildung beitragen oder den Austausch zivilgesellschaftlicher Akteure und Initiativen fördern. Wir freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit.

 

Solawis – die Zukunft der Landwirtschaft?

Der Buschberghof in Schleswig-Holstein war 1988 der erste in ganz Deutschland, der als Solidarische Landwirtschaft (kurz Solawi) betrieben wurde. Damals wagten die Jungbauern, die den Hof übernommen hatten, ein neues Konzept. Die auf dem Hof erzeugten Lebensmittel werden seitdem nicht mehr an Großhändler oder auf dem Wochenmarkt verkauft. Stattdessen verteilt sie der Erzeuger direkt an eine Gruppe privater Haushalte. Im Austausch dafür finanzieren die privaten Abnehmer die Arbeit des Hofs durch einen jährlich festgelegten und meist monatlich zu zahlenden Betrag, der alle Kosten des Betriebes deckt. Hofbetreiber und Abnehmer*innen bilden also eine eigene Wirtschaftsgemeinschaft.

Geteiltes Risiko, geteilte Ernte
Die Vorteile: Der Landwirt muss seine Arbeit nicht mehr vom Preisdruck diktieren lassen. Er kann so arbeiten, dass er gesunde Lebensmittel erzeugt, weniger ertragreiche, aber schädlingsresistente Sorten kultiviert, Landschaft und Natur schützt. Die teilnehmenden Haushalte bekommen im Gegenzug die gesamte Ernte, teilweise auch weiterverarbeitete Lebensmittel wie Brot oder Käse. Sie bezahlen also nicht mehr für ihre Nahrungsmittel, sondern für die ökologisch sinnvolle Bewirtschaftung des Betriebes. Alle teilen sich Verantwortung, Risiko, Kosten und letztlich die Ernte.

Solawis werden immer beliebter
Zehn Jahre dauerte es, bis die ersten Nachahmer ebenfalls den Schritt zur Solawi taten. In den letzten Jahren steigt die Zahl der so bewirtschafteten Höfe stetig. Aktuell gibt es mindestens 109 bestehende Solawi-Betriebe und 106 Solawi-Initiativen in Deutschland. Sie bezeichnen sich auch als Gemeinschaftshöfe, Landwirtschafts- oder Versorgungsgemeinschaften. Einige Höfe sind strikt basisdemokratisch organisiert, in anderen haben die Erzeuger bei Betriebsentscheidungen weitgehend freie Hand. Einzige Voraussetzung bleibt immer, dass das jeweilige Konzept von der Gemeinschaft aus Bauern und Privatleuten getragen wird.

Was können Solawis zusammen bewirken?
Können neue Wirtschaftsformen und –Initiativen, wie Solidarische Landwirtschaft, Aquaponik-Konzepte oder Urban Gardening Projekte das etablierte Ernährungssystem in Deutschland verändern? Wie können sie dabei zusammenarbeiten und einander unterstützen? Diese Fragen untersucht das gemeinsame Forschungsprojekt „nascent – Neue Chancen für eine nachhaltige Ernährungswirtschaft durch transformative Wirtschaftsformen“ der Universität Oldenburg, der Hochschule München und der anstiftung. Die Schweisfurth Stiftung ist Beratungspartner des Projekts. Insgesamt 26 Unternehmen und Initiativen, wie die Münchner Produktionsgemeinschaft Kartoffelkombinat, die Leipziger urbane Landwirtschaft ANNALINDE oder die TAGWERK Genossenschaft, unterstützen das Forschungsprojekt mit ihrem vielfältigen Praxiswissen. Zehn Transferpartner, darunter das 2011 gegründete Netzwerk Solidarische Landwirtschaft, helfen bei der Verbreitung der Ergebnisse.

Mehr aktuelle Informationen zu Solawis finden Sie hier:

Broschüre zum Weiterlesen:
„Solidarische Landwirtschaft – Gemeinschaftlich Lebensmittel produzieren“

Über Fortschritte und Ergebnisse des Projekts „nascent“ können Sie sich hier informieren:
„nascent – Neue Chancen für eine nachhaltige Ernährungswirtschaft durch transformative Wirtschaftsformen“ 

Sie überlegen, sich einer Solawi anzuschließen? Hier finden Sie Initiativen in Ihrer Nähe:
Interaktive Landkarte für Solidarische Landwirtschaft

Profil und Interview vom Kartoffelkombinat auf relaio.de – Der Plattform für nachhaltiges Unternehmertum der Hans Sauer Stiftung

Beitragsbild:                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          © David Freudenthal, mit freundlicher Unterstützung der Hans Sauer Stiftung

wir-kooperieren.org

Was brauchen wir für ein gutes Leben? Wie lassen sich Betriebsgemeinschaften nachhaltig entwickeln? Welche Kooperationsmöglichkeiten gibt es zwischen Stadt und Land und was braucht es für ein gutes Miteinander?

Tolle Idee − und dann?

Der zündenden Idee, einen Biohof gemeinsam zu bewirtschaften, folgt oft eine Phase harter Um- und Auseinandersetzung. Unterschiedliche Vorstellungen, Arbeitsweisen und Weltanschauungen prallen aufeinander. Damit aus solchen Prozessen eine erfolgreiche und fruchtbare Kooperation für möglichst alle Beteiligten wachsen kann, arbeiten wir gemeinsam mit der Software AG Stiftung und Projektleiter Stephan Illi an einer Studie zur „Förderung der Zusammenarbeit von biodynamischen Bauern als Impuls zur Diversifizierung des Ökolandbaus“.
Ziel ist es, gemeinsam herauszufinden, wie sich zwischenmenschliche Konflikte bei der Gründung oder Führung von Hofgemeinschaften in der Landwirtschaft lösen lassen. Kernstück des Projekts ist eine gezielte Beratung, mit deren Hilfe die Beteiligten Entwicklungsprozesse erfolgreich umsetzen können.

Einzigartiges Beratungsangebot

Da es bisher kaum Angebote gibt, die Zusammenarbeit systematisch und grundlegend zu erlernen, schließt dieses wegweisende Projekt eine große Lücke. „Auf der Webseite www.wir-kooperieren.org wird die zielgerichtete Beratung ergänzt durch praktisches Handwerkszeug zum Herunterladen“, so Projektleiter Stephan Illi. Das Angebot richtet sich an bestehende ebenso wie an in Gründung befindliche Hofgemeinschaften.

Solidarische Regionen

Wie groß der Wunsch nach Nähe zwischen Bauern und Konsumenten tatsächlich ist, zeigt das Projekt „Solidarische Regionen“. Zur Jahreswende 2014/2015 wurden über vier Monate hinweg Biokunden, Biobauern sowie Verarbeiter und Händler der Biobranche befragt: Wünschen Sie sich eine tiefergehende Beziehung über die Wertschöpfungskette hinweg? Und wenn ja, wie sieht dieses Interesse konkret aus?

Wer macht was und wie?

Die Auswertung zeigte deutlich, dass ein wachsender Anteil der Verbraucher gerne mehr über regionale Erzeuger und Hersteller wissen will. Auch die Gesichter und Geschichten hinter den Lebensmitteln kennenzulernen, ist den Konsumenten zunehmend ein Anliegen. Ebenso wurde großes Interesse an mehr Teilhabe festgestellt, etwa durch Mitfinanzierung von Betriebsinvestitionen. Einige der Befragten wollten gerne ganz konkret auf Höfen mitarbeiten.

Im Interview berichtet Stephan Illi im September 2016 vom aktuellen Projektstand.

 

Kurz-gut

Projektname: wir-kooperieren.org
Startschuss: 2014
Status:
läuft
Wirkungskreis:
regional, global anwendbar
Zielgruppe:
Landwirte, Hofgründer, Gemeinschaftshöfe, CSA, Genossenschaften
Maßnahme:
Gründung, Homepage, Begleitforschung
Leitung / Ansprechpartner/in: Stephan Illi, Büro für Agrarkultur
Mehr unter: wir-kooperieren.org