Tierschutz in der Umkleidekabine

Nach der Ölindustrie gilt Mode als das zweitschmutzigste Geschäft der Welt. 2700 Liter Wasser frisst die Produktion eines einzigen T-Shirts, 7000 Liter die Produktion einer Jeans. Drei von vier hergestellten Kleidungsstücken werden jedoch nach einer kurzen Lebensdauer verbrannt oder landen auf dem Müll. Auch die globale Leder­in­dus­trie trägt zur unrühmlichen Bilanz bei: Jährlich werden über eine Milli­arde Tiere geschlachtet und ihre Häute zu Beklei­dung, Schuhen, Modear­ti­keln, Möbeln, Interieur und Acces­soires verar­beitet – oft unter undenkbaren Bedingungen in der Haltung und Verarbeitung. Während die meisten Leder oder Schaffelle zumin­dest Abfälle aus der Fleisch­in­dus­trie sind, werden die Tiere für Edelfelle meistens extra gezüchtet. Laut Tierschutzorganisation PETA landen 40 % der weltweiten Schlachtungen nicht auf dem Teller, sondern dienen einzig der Lederherstellung.

Bisher nur ein Nischenprodukt, versuchen nun immer mehr Modelabels auf umwelt- und tierfreundliche Materialien umzustellen. Denn wer es mit Tierschutz wirklich ernst meint, muss auf dem Teller und in der Umkleidekabine auf nachhaltige und ethische Produktionsbedingungen achten. Wer dabei nur danach auswählt, dass Texti­lien ohne den Einsatz tieri­scher Fasern erzeugt wurden, findet in den Laden­re­galen bereits jetzt eine breite Auswahl. Der Markt­an­teil von Fasern nicht tieri­schen Ursprungs liegt auf dem Weltmarkt derzeit bei über 90 %.

Umweltverschmutzung und Tierleid durch Textilproduktion

Jedoch verursachen auch viele Produkte ohne tierische Fasern bei ihrer Herstel­lung Tierleid: Farb- und Hilfs­mittel werden noch immer in Tierver­su­chen getestet. Klebstoffe bestehen sehr oft aus Inhalts­stoffen, die tieri­schen Ursprungs sind oder ebenfalls an Tieren getestet wurden. Synthetische Fasern wie Polyester bestehen aus Erdöl, das nicht biologisch abbaubar ist und dessen Förderung zu Lasten der Umwelt geht. Auch der konven­tio­nelle Anbau von Pflan­zen­fa­sern hat in manchen Fällen negative Auswirkungen auf die Tierwelt. Nutzin­sekten sterben durch den Einsatz von gentech­nisch verän­dertem Saatgut oder synthe­ti­schen Insek­ti­ziden. Vegan bedeutet somit nicht zwangsläufig öko. Auch bei veganen Kleidungsstücken ist es entscheidend, sich zu informieren und nachzufragen, wie das Produkt hergestellt wurde.

Rhabarber-Leder und ökologische Nutztierhaltung

Wer, statt komplett zu verzichten, auf ökologische und ethische Produkte wechseln möchte, findet auch da einige gute Alternativen. Ein Beispiel ist die Lederproduktion. Betrachtet man diese aus dem Blickwinkel der Nachhaltigkeit, kann zwischen der ökologischen Gerbung ohne giftige Chromsalze und dem Ursprung der Häute aus ökologischer Nutztierhaltung differenziert werden.

Eines der wenigen deutschen Labels, das sich explizit auf „nachhaltiges Leder“ spezialisiert hat, ist Deepmello.  Statt der mineralischen Gerbung mit toxischen Chromsalzen, die weltweit zu mehr als 80 % eingesetzt wird, nutzt die Marke eine pflanzliche Gerbmethode mit Rhabarberwurzel-Extrakt. Der Rhabarber wird in der Nähe von Magdeburg angebaut, das Leder größtenteils in Bayern hergestellt. Mittelfristig ist Deepmello bestrebt, alle Leder aus Biohäuten herzustellen. „Jedoch muss dafür die Bereitschaft der Kunden größer werden, Naturmerkmale im Leder, zum Beispiel Kampfspuren oder Spuren von Verletzungen, zu akzeptieren“, erklärt Gründerin Anne-Christin Bansleben in einem Interview mit der Zeit.

Orientierungshilfe für KonsumentInnen

Auch bei Textilien aus kontrolliert biolo­gi­schem Anbau müssen strengere Regelungen in der Tierhal­tung eingehalten werden. Orientierungshilfe im Laden bieten dafür Textillabels, wie zum Beispiel der Global Organic Textile Standard (GOTS), der vorschreibt, dass die einge­setzten Fasern zu mindes­tens 70 % aus kontrol­liert biolo­gi­scher Landwirt­schaft stammen müssen. Das Label NATURTEXTIL BEST verlangt sogar 100 % Biofa­sern. Textilien mit dem NATURLEDER IVN Label werden ausschließlich aus Ledern von Tieren der Fleisch­in­dus­trie gefertigt. Der Anbau­ver­band Biokreis bietet als einziges Siegel die Sicher­heit, dass ein Leder von Bio-Tieren stammt. Verbands­zei­chen wie Bioland, Natur­land oder vor allem demeter garantieren ebenfalls strenge Tierwohl-Richtlinien.

Staatliches Tierwohllabel: Ja, aber…!

Die Grüne Woche in Berlin ist seit 1926 ein Ereignis, an dem das Trendbarometer ausschlägt. Im Fokus der internationalen Ausstellung stehen Ernährung, Landwirtschaft und Gartenbau, die Veranstaltung selbst bezeichnet sich als „das Davos des Agrarbusiness“. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt stellte dort vergangene Woche den Stand der Arbeit für das geplante staatliche Tierwohllabel „Mehr Tierwohl“ vor. Die Schweisfurth Stiftung begrüßt den bereits lang angekündigten Vorstoß. Das Label alleine ist aber nicht die Lösung aller Probleme mit den landwirtschaftlich genutzten Tieren.

Die Pläne des Ministers

(Immerhin:) Zur graphischen Ausgestaltung des Tierwohl-Siegels konnte bereits ein Konsens gebildet werden. Das sechseckige Label erinnert an das Biosiegel, der schwarz-rot-goldene Streifen unterstreicht, dass es sich um ein staatliches Anliegen handelt. Inhaltlich gibt es jedoch noch keine konkreten Ergebnisse. Nur so viel: es soll zwei Stufen geben, in der höheren sind strengere Haltungsbedingungen zu erfüllen, der Kriterienkatalog steht noch nicht fest und die Einführung des Labels ist für 2018 geplant. Die NGO Foodwatch übt scharfe Kritik an der Freiwilligkeit des Labels: „Die Bundesregierung verabschiedet sich mit diesem Ansatz offiziell von dem Ziel, Tierschutz für alle, nicht nur für einige Nutztiere durchzusetzen“. Denn das erwartete Marktpotential des Siegels liegt laut Beratern des Ministers bei etwa 20 %. Für die anderen 80 % der Nutztiere ändert sich nichts, ihre Haltungsstandards würden von der Regierung mit der Einführung des Labels nicht nur toleriert sondern gar legitimiert.

Was es wirklich braucht

Prof. Franz-Theo Gottwald, Vorstand der Schweisfurth Stiftung und Beirat beim Deutschen Tierschutzbund für deren Tierschutzlabel, ist überzeugt: „Die Etablierung eines staatlichen Labels ist nicht genug, um die von den Bürgern gewünschten und erforderlichen Verbesserungen in der Nutztierhaltung zu erreichen. Vielmehr müssen klare Richtlinien für alle gesetzlich verankert werden.“ Möglich wäre das mit einer nationalen Strategie für zukunftsfähige, artgerechte Stallsysteme, die den Landwirten Planungssicherheit bietet. Für die kostenintensive Umrüstung bedarf es darüber hinaus ausreichender Fördermittel seitens des Staates und der EU. Der Deutsche Tierschutzbund hat bereits umfassende wissenschaftliche Grundlagenarbeit geleistet und mit dem Tierschutzlabel Erfahrungen gesammelt, von denen die Entwickler des staatlichen Tierwohllabels profitieren können. Die Erfahrung zeigt: Eine deutliche, positive Veränderung kann nur erzielt werden, wenn die Label-Stufen deutlich über dem gesetzlichen Niveau liegen und für alle verbindlich gelten. Die bisherigen föderale Insellösungen wären damit unnötig. Darüber hinaus ist eine transparente Kennzeichnung mit klaren Kriterien für die jeweiligen Tierwohlstandards notwendig, um das Vertrauen der Konsumenten zu gewinnen. Beispiele wären: die Verpflichtung, schmerzhafte Amputationen an den Tieren zu unterlassen oder die Züchtung gesunder, stabiler Rassen, anstelle von kranken Hochleistungstieren. „Wenn wir eine nationale Nutztierstrategie entwickeln wollen, dann müssen alle gleichmäßig mitziehen: Die Kommunen im Baurecht, die Länder und insbesondere der Bund bei den Förderkriterien sowie bei Gesetz und Vollzug des Gesetzes. Ein staatliches Label ist ein wichtiger Schritt, aber eben nur ein Schritt“, bilanziert Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes.

In-Ovo Sexing bei Hühnern

Seit Jahrzehnten werden Hennen auf Hochleistung gezüchtet und legen inzwischen über 300 Eier pro Jahr. In der Folge wurden ihre Brüder ökonomisch uninteressant, da sie nur langsam und wenig Fleisch ansetzen. Deshalb werden die männlichen Küken der sogenannten Legelinien unmittelbar nach dem Schlupf identifiziert und getötet. Ob manuell nach dem Schlupf oder technisch im Ei:  Die Geschlechtsbestimmung von Hühnern zum Zwecke des Ausmerzens ist ethisch nicht vertretbar, schreibt Dr. med. vet. Anita Idel in ihrem Gastbeitrag für die Schweisfurth Stiftung:

Das Ausmaß des Tötens männlicher Küken am ersten Lebenstag als sogenannte Eintagsküken ist grauenhaft: allein in Deutschland sind es jährlich bis zu 50 Millionen und in der EU über 300 Millionen. Dennoch erschienen diese Fakten fast allen, die darum wussten, je nach Standpunkt entweder so aussichtslos oder so folgerichtig, dass lange Zeit nichts dagegen geschah.

Zwei Seiten derselben Medaille: Hochleistung der Hennen und geringer Fleischansatz ihrer Brüder

Umso wichtiger ist, nicht zu vergessen, dass diese Entwicklung keineswegs zufällig sondern zwangsläufig ist. Denn seit Jahrzehnten wird mit sogenannten Legelinien einseitig auf die Produktion von Eiern selektiert. Das bedeutet: Je nachdem ob Eier oder Fleisch von Hühnern erzeugt werden soll, werden völlig unterschiedliche Tiere gezüchtet. Nur in einem Nischenbereich – beim sogenannten Zweinutzungshuhn   – ist das Masthähnchen tatsächlich der Bruder der Legehenne.
Immer wenn das Zuchtziel allein auf die Leistung des weiblichen Tieres fokussiert ist, gerät die Leistung des männlichen Tieres – das Fleischansatzvermögen – zuchtbedingt ins Hintertreffen. Denn egal, ob die Zucht auf die Milchleistung von Rindern, Schafen, Ziegen und Wasserbüffeln oder auf die Eileistung von Hühnern zielt: Der Zuchterfolg wird daran festgemacht, dass die Energie des Futters vorrangig Richtung Euter bzw. Eileiter transportiert wird, so dass Muskelgewebe zwangsläufig weniger versorgt wird. Je langsamer die männlichen Tiere wachsen, desto mehr Futter benötigen sie. Weil diese naturwidrige Entwicklung am weitesten bei Hühnern, bei denen das Zuchtziel auf der Legeleistung liegt, vorangetrieben worden ist, gelten Hähne ökonomisch als wertlos.

Nicht legal – und doch Routine

Ob Tierärzte in der Administration oder Vorstände von Tierschutzorganisationen – wiederum je nach Standpunkt ließen Desinteresse oder Resignation seit Jahrzehnten zu, dass die männlichen Eintagsküken vergast oder geschreddert werden. Und das obwohl das Tierschutzgesetz für das Töten von Tieren einen vernünftigen Grund fordert. So erwies sich diese jahrzehntelange Routine quasi als Gewohnheitsrecht, als in jüngerer Zeit – endlich – Gerichte bemüht wurden.

Denn im Streit um das millionenfache Töten der männlichen Küken formulierte das Oberverwaltungsgericht Münster einen Konflikt zwischen einer funktionierenden Ernährungswirtschaft und der Ethik. Im Sinne der ersteren gestand es den klagenden Kükenbrütereien einen vernünftigen Grund zu töten zu. Das Gericht könne bei seiner Entscheidung nicht berücksichtigen, ob es in der Sache einen gesellschaftlichen Wandel beim Tierschutz gebe. Demnach ist der Ernährungsindustrie der selbst verursachte sinkende ökonomische Nutzen nicht zuzumuten.

Nur vermeintliche Lösung

Seit sich in der Öffentlichkeit Protest gegen das Hähnchentöten mehrt, investieren Industrie und Staat erhebliche Summen in die Entwicklung technischer Identifikationsmethoden im Ei: Nach der Devise „weiter so“ sollen die Hennen unvermindert auf Hochleistung gezüchtet werden, während die Hähnchen durch die In-Ovo-Bestimmung bereits so früh erkannt werden sollen, dass sie noch vor dem Schlupf eliminiert werden können.
Das ethische Problem läge im technischen Erfolg: Eine Technik, die mit dem Ziel eingesetzt wird, eines der beiden Geschlechter – und damit die Hälfte der Tiere – erst gar nicht entstehen zu lassen, ist ethisch abzulehnen.
Dennoch reichte die Rat- und Hilflosigkeit angesichts der auch in der Zucht extrem entwickelten Geflügelindustrie und der Bilder zu meuchelnder /  gemeuchelter flauschiger Eintagsküken so weit, dass auch Tierschutzbeauftragte und Tierschutzorganisationen die Entwicklung dieser Technik befürwortet haben.

Nebenschauplatz technisches Funktionieren

Die In-Ovo-Bestimmung ist keine Lösung. Deshalb erübrigt sich die Diskussion um den Stand der Technik. Denn ob Chromosomen- oder Hormonbestimmung oder spektroskopische Untersuchung wie die Raman-Spektroskopie: Es geht nicht darum, ob das Geschlecht am 17. Bruttag oder nach Investition weiterer Millionen bereits am 10. oder nun vielleicht bereits am 5. Bruttag bestimmt werden kann. Denn das Ziel bleibt das gleiche wie seit Jahrzehnten: die Eliminierung der männlichen Küken von Legelinien! Wer argumentiert, das Leid der männliche Küken würde durch die In-Ovo-Bestimmung verringert, hat die Hennen aus dem Blick verloren. Deren zuchtbedingte Eileiterentzündungen gelten inzwischen als Berufskrankheit, derweil die verbreiteten Brustbeinbrüche der Junghennen erst vereinzelt wahrgenommen werden.

Ethisch wünschenswert: Zweinutzungshühner

Die Ursache der mangelnden ökonomischen Wertigkeit der Hähnchen liegt in der artwidrigen Selektion auf Höchstleistung ihrer Schwestern.
Im Jahr 2016 mehren sich nun endlich entsprechende Verlautbarungen und fordern die Zucht von Zweinutzungshühnern. Ob Huhn, Schwein oder Rind: Wir brauchen – und sind es ihnen schuldig – die Züchtung gesunder und freilandtauglicher Tiere!
In diesem Sinne engagiert sich die Ökologische Tierzucht gGmbH  und erhielt für ihre Zuchtarbeit mit Hühnern für die ökologische Landwirtschaft im Jahr 2016 einen Sonderpreis Innovation im Rahmen der Lammsbräu Nachhaltigkeitspreise.

Zum Weiterlesen:

Laudatio von Dr. med. vet. Anita Idel im Rahmen des 15. Lammsbräu-Nachhaltigkeitspreis 2016 für den Sonderpreis „Innovation“: Ökologische Tierzucht gGmbH: Laudatio als PDF

Projekt Tierzuchtfonds

Projekt Netzwerk artgemäße Hühnerzucht

 

Zur Autorin:

Dr. med. vet. Anita Idel ist Tierärtzin und war von 2005 bis 2008 Lead-Autorin des Weltagrarberichtes (IAASTD). Sie ist Mitbegründerin der Arbeitsgemeinschaft Kritische Tiermedizin (1983), des Gen-ethischen Netzwerks (1986), der Gesellschaft für Ökologische Tierhaltung (1991). Seit 1986 hat sie einen Lehrauftrag an der Universität Kassel inne. 2010 erschien ihr Buch „Die Kuh ist kein Klima-Killer! Wie die Agrarindustrie die Erde verwüstet und was wir dagegen tun können“ in der Buchreihe Agrarkultur im 21. Jahrhundert, herausgegeben von der Schweisfurth Stiftung im Metropolis-Verlag Marburg. Als Mediatorin ist Anita Idel in den Spannungsfeldern Ökonomie und Tierschutz sowie Landwirtschaft und Naturschutz tätig.

Das Dilemma der Tierärzte

Tierärzte sollen eigentlich dafür sorgen, dass Tiere gesund werden oder bleiben. Für viele landwirtschaftlich gehaltene Tiere können sie das aber kaum mehr leisten. Der Grund: Gesundheitliche Probleme, die den Tieren „angezüchtet“ sind. Rinder, Schweine und Geflügel werden krank, weil sie schon genetisch auf Krankheiten vorprogrammiert sind. Das liegt an einer Zucht, die ohne Rücksicht auf Tiergesundheit nur mit Blick auf maximalen Fleisch- oder Eierertrag arbeitet. Bis zur Erbarmungslosigkeit durchrationalisiert ist das System, in dem Tiere keinen Namen mehr haben, sondern nur noch einen Preis.

Gegen falsche Zucht helfen keine Medikamente
Masthähnchen werden beispielsweise auf möglichst schnelle Gewichtszunahme gezüchtet. In den sieben Wochen seines Lebens versechzigfacht ein solches Tier sein Gewicht. Dabei ist sein Körper kaum in der Lage, diese enorme Fleischlast zu tragen − Knochendeformationen und die ständige Überlastung des Herz-Kreislaufsystems sind die Folge. Dass ein Tierarzt hier nicht mehr helfen kann, liegt auf der Hand.

Spagat zwischen Ökonomie und Tierwohl
Viel zu lange wurde die Rolle der Zucht für die Tiergesundheit ignoriert, viel zu lange haben die Veterinäre das System schweigend mitgetragen. Tiermedizinerin Dr. Anita Idel beschreibt im aktuellen Heft der Zeitschrift TIERethik das krank machende System der industriellen Tierhaltung. Sie zeigt die Gratwanderung der Veterinäre zwischen Wegschauen und Hinsehen, zwischen moralischem Anspruch und ökonomischen Zwängen.

Tierärzte stützen das System
Idels Anklage: Die TierärztInnen haben zugelassen, dass sich bei den sogenannten Nutztieren die Schere zwischen Leistung und Gesundheit immer weiter öffnet. Vermeintliche Lösungen können den Schaden nur begrenzen. Meistens sind Krankheitsanfälligkeit und Stress bei den Tieren eine Folge von Überforderung durch einseitige Zuchtziele auf Hochleistung. Aber Forschung und Lehre beschränken sich bei der Suche nach Ursachen von Gesundheitsproblemen auf die Haltungsbedingungen und damit auf die Auslöser. Das besondere Dilemma der TierärztInnen: Sie sind für die alltäglichen Leiden der Tiere auch deshalb mitverantwortlich, weil sie fachlich gute Arbeit in einem kranken Agrarsystem leisten. Damit erhalten sie die Wettbewerbsfähigkeit dieses Systems − und sorgen so für dessen Überleben.

Dr. Anita Idel: TierärztInnen und landwirtschaftlich genutzte Tiere – ein systembedingtes Dilemma. In: TIERethik, 8. Jahrgang 2016/1, Heft 10, S. 34-52.

Headerfoto: Isabel Boergen; Schweine in Herrmannsdorf

Milchbauern und Kühe an der Leistungsgrenze

Anlässlich des Tages der Milch am 1. Juni plädiert hier unsere Kuratorin, die Journalistin und Buchautorin Dr. Tanja Busse, für eine artgemäße Milchviehhaltung und einen anderen Umgang mit unseren Milchbauern.

„Wir müssen Kühe wieder als Lebewesen betrachten und nicht als Milchproduktionsmaschinen“.
So hat es der bayrische Futtermittelhändler Josef Feilmeier auf den Punkt gebracht, der sich seit Jahrzehnten für gute und vor allem gentechnikfreie Futtermittel einsetzt. Er kritisiert, dass das Futter der Milchkühe mit riskanten Zusatzstoffen angereichert wird. Zum Beispiel mit purem Harnstoff, dem Abfallprodukt unseres Stickstoff-Stoffwechsels, den Mensch und Tier eigentlich mit dem Urin ausscheiden. Kühe können Harnstoff aus ihrem Blut zwar tatsächlich recyceln, aber sie damit zu füttern, ist sehr riskant. Und durchaus typisch für die artifizielle Milchproduktion unserer Tage.

Zusammenleben in Symbiose
Jahrtausende lang hat die Kuh den Menschen begleitet. Ohne die Rinder wären die Menschen vermutlich nicht sesshaft geworden. Ihre besondere Eigenschaft: Sie können Gras in Milch und Fleisch verwandeln. So haben es die Kühe unseren Vorfahren ermöglich hat, auch in den Bergen und an den Küsten zu leben, in Gegenden, wo Ackerbau kaum Ertrag bringt. Kühe und Menschen haben so gemeinsam unsere Kulturlandschaften geprägt und dabei artenreiche Ökosysteme geschaffen.

Auf Hochleistung getrimmt
In den letzten Jahrzehnten haben Agrarwissenschaftler, Berater und Landwirte dieses System auseinandergenommen: Sie haben die robuste Weidekuh in eine Hochleistungsportlerin verwandelt und – fasziniert von ihrer enormen Leistungsfähigkeit – mit ihrem Verdauungssystem und ihren genetischen Anlagen experimentiert. Das Ergebnis ist die moderne Holstein-Friesian-Kuh, die vier bis fünf, in Extremfällen sogar zehn Mal so viel Milch gibt wie ihre Vorfahrinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das ist natürlich mit Weidegras nicht möglich. Die Hochleistungskuh wird vor allem mit energiereichem Mais gefüttert. Weil Mais aber zu wenig Eiweiß enthält, braucht sie zusätzliche Eiweißquellen, Rapskuchen oder Sojaschrot. Oder eben Harnstoff.

Viel Milch – Kurzes Leben
Die Messlatte des Erfolgs war dabei lange die Milchleistung pro Kuh und Jahr. Rekordkühe schaffen mehr als 20 000 Liter pro Jahr, manche Betriebe erreichen einen Stalldurchschnitt von mehr als 10 000 Litern. Doch der Preis für diesen kurzfristigen Erfolg ist hoch: Denn die meisten Kühe schaffen es nicht, so viel zu leisten, und dabei langfristig gesund zu bleiben. Sehr viele Kühe werden schon nach zwei oder drei Jahren im Melkstand geschlachtet, obwohl ihre natürliche Lebenserwartung bei achtzehn bis zwanzig Jahren liegt.
„Die einseitige Selektion auf hohe Milchleistung macht die Kühe krank“, warnen kritische Tierärzte und Wissenschaftler. Einige von ihnen haben gerade die „Göttinger Erklärung zur Milchproduktion“ verabschiedet, in der sie die hohen Erkrankungsraten der Kühe auf die einseitige Selektion auf hohe Milchleistung zurückführen und dringend ein Umdenken einfordern.

Demütigung für die Bauern
Die Situation ist ziemlich absurd: Die Kühe geben so viel Milch, dass sie krank werden. Die Landwirte aber können davon nicht einmal leben, denn alle zusammen produzieren sie mehr Milch, als gebraucht wird. Und deshalb sinken die Preise. Der katastrophale Preisverfall seit dem Ende der Milchquote im letzten Jahr treibt viele Milchbauern in den Ruin, und alle machen zur Zeit Verluste. Anfang Mai haben die Discounter ihre Milchpreise auf weniger als 50 Cent pro Liter gesenkt – das ist skandalös und demütigend für die Bauern.

Artgerechte Haltung, faire Preise
Dabei ginge es so viel besser: Eine weniger intensive Milchviehhaltung brächte viele Vorteile: für die Kühe, weil sie auf die Weide dürften, für die Biodiversität, weil das Dauergrünland vielen gefährdeten Arten einen Lebensraum bietet, für die Regenwälder, weil weniger Soja importiert werden müsste, und auch für das Klima, denn Grünland bindet Treibhausgase. Doch dafür ist die Politik gefragt: Denn Kühe auf der Weide geben weniger Milch, und für 25 Cent kann das kein Bauer leisten. Wir bräuchten also einen fairen Lohn für Milchbauern und ihre Kühe und ein Dumpingverbot für Lebensmittel.

Zum Weiterlesen:
Tanja Busse (2015): Die Wegwerfkuh. Wie unsere Landwirtschaft Tiere verheizt, Bauern ruiniert, Ressourcen verschwendet und was wir dagegen tun können. Blessing Verlag.

Zum Freuen:
Kühe brauchen die Weide! Sehen Sie hier Bilder purer Lebensfreude vom Weideaustrieb des Hofes Dannwisch bei Elmshorn.

Bio, regional, tiergerecht: VC Vollwertkost erhält Tierschutz-Kochmütze

„Gesundes Essen, das schmeckt!“ lautete die Vision der VC Vollwertkost GmbH bereits bei ihrer Gründung 1991. Anfangs belieferte das Unternehmen vor allem Kindergärten und Schulen – heute bekocht das Team von VC Vollwertkost mehr als 4.000 Menschen in und um München. Dabei wird besonders auf Qualität, Frische und Herkunft der Zutaten geachtet. Neben Gerichten in 100 % – Bioqualität bietet das Unternehmen auch einen rein vegetarischen Speiseplan an. Für sein außerordentliches Engagement erhielt es am 18. Mai 2016 die Tierschutz-Kochmütze der Münchner Schweisfurth Stiftung.

„Wertschätzung für Pflanze, Tier und Mensch“
Ganzheitliche Nachhaltigkeit vom Feld bis auf den Teller – das ist das Herzensanliegen von Sandra Benke und Timo Neumann, den Geschäftsführern von VC Vollwertkost. Lange vor dem Bio-Boom entstand so ein Leuchtturm für gesunde Schul- und Firmenverpflegung. Heute ist VC Vollwertkost ein Unternehmen mit vielfältigem Leistungsportfolio: Für Firmenkantinen, Schulen, KiTas, Familienfeste, Vernissagen, Seminare und Sportveranstaltungen werden maßgeschneiderte Gerichte und Fingerfood aus besten Zutaten gezaubert. Dabei achtet das Team um Küchenchef Svend Hiebendahl besonders auf die Herkunft der Zutaten: Das Fleisch stammt von ausgewählten Betrieben, Obst, Gemüse und Milchprodukte werden wann immer möglich von regionalen, bayerischen Lieferanten bezogen. Nachhaltigkeit ist hier kein leeres Versprechen, sondern fest verankerte Unternehmensphilosophie: „Unsere Gerichte sollen nicht nur bio, regional, saisonal und frisch sein; uns geht es um die Wertschätzung gegenüber Pflanzen, Tieren und Menschen“ so Geschäftsführerin Sandra Benke.

Bestes für Klein und Groß
VC Vollwertkost hat Vorbildcharakter: Zahlreiche Kundinnen und Kunden in und um München genießen den gesunden und abwechslungsreichen Speiseplan, unter anderem die Mitarbeiter des Bundespatentgerichts und des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (StMELF) in der Ludwigstraße. Sandra Benke ist mit viel Engagement und Herzblut dabei, wenn es darum geht, die Gäste zu verwöhnen. Soßen, Suppen, Desserts – alles wird hier frisch zubereitet:

„Natürlich könnten wir uns viel Geld und Arbeit sparen, wenn wir nur Fertiggerichte aufwärmen. Aber das kommt nicht in Frage.“

Eine Einstellung, die immer mehr Menschen teilen und wertschätzen. 900 frisch zubereitete Essen gehen allein im Kasino des Landwirtschaftsministeriums täglich über den Tresen. Der Großteil der Gäste kommt dabei von außerhalb; dort schätzt man besonders das abwechslungsreiche vegetarische und vegane Angebot. Die kleinsten Kunden in KiTas, Kindergärten und Schulen kommen nicht nur in den Genuss gesunder, frischer und vollwertiger Lebensmittel. Sandra Benke organisiert auch Events wie das Kürbiskopf-Schnitzen im Herbst: Hier erklärt sie den Kindern spielerisch und nebenbei, wie man aus dem Inneren des Kürbis eine leckere Suppe kocht.

Tierschutz-Kochmütze für außerordentliches Engagement
VC Vollwertkost schafft scheinbar mühelos den Spagat zwischen Engagement für Mensch, Tier und Umwelt einerseits, und Genuss und kulinarischem Anspruch andererseits. Doch was einfach aussieht, ist oft harte Arbeit – nicht nur in der Küche. „Auch gegen Vorurteile und festgefahrene Verhaltensmuster muss man leider immer noch ankochen“ weiß Projektleiterin Isabel Boergen von der Schweisfurth Stiftung. Sie übergab die Tierschutz-Kochmütze am 18. Mai und lobt das außerordentliche Engagement der gesamten Belegschaft. „Von der Auswahl der Zutaten in Bio-Qualität profitieren nicht nur die Kundschaft, sondern auch Tiere, Umwelt und Klima. Die Tierschutz-Kochmütze soll diesen Einsatz belohnen und darauf aufmerksam machen, dass auch der Einzelne bewusster auswählt und darauf achtet, was auf seinem Teller landet. Dass gerade das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten von so einer hervorragenden und beispielhaften Küche profitieren darf, ist ja sehr passend!“

Probieren und profitieren!
VC Vollwertkost ist die 17. Küche, die eine Tierschutz-Kochmütze im Rahmen von Tierschutz auf dem Teller® erhält. Weitere Infos, alle Preisträger sowie Bewerbungsmodalitäten für interessierte Küchen finden Sie unter www.tierschutz-auf-dem-teller.de. Übrigens: Die Kantine des StMELF in der Ludwigstraße 2 am Münchner Odeonsplatz ist öffentlich – Neugierige können die zukunftsweisende Fitnessküche dort Montag bis Freitag, 12 bis 14 Uhr, probieren.

Wer vorab einen Blick in die Küche werfen möchte, kann das auf der Homepage und der Facebook-Seite von VC Vollwertkost tun: Hier werden täglich Bilder und Videos zum kulinarischen Werdegang der Gerichte online gestellt.

Pressemitteilung der Schweisfurth Stiftung vom 18. Mai 2016

Headerfoto: V.l.n.r.: Sous Chef Matthias Esche, Geschäftsführerin Sandra Benke, Küchenleiter Svend Hiebendahl. © Isabel Boergen, Schweisfurth Stiftung

Ich wollt‘ ich wär (k)ein Huhn – Engagement zur Öko-Geflügelzucht

„Ich wollt‘ ich wär ein Huhn, ich hätt‘ nicht viel zu tun, ich legte jeden Tag ein Ei und Sonntag auch mal zwei“ heißt es in einem alten Filmschlager aus den 30er Jahren.

Doch heutzutage möchte man eigentlich kein mehr Huhn sein. Die moderne Legehenne legt nämlich in der Tat fast jeden Tag ein Ei. 300 Stück sind es jährlich; von Natur aus legt ein Huhn nur ein Fünftel davon – die Hochleistungszucht macht es möglich. Doch ihre negativen Begleiterscheinungen sind gravierend: Die Legehybride leiden unter Erkrankungen des Skelettapparates, Erschöpfung, Knochenbrüchigkeit und gesteigerter Aggressivität. Da die männlichen Nachkommen nicht zur Fleischmast taugen, werden jährlich Millionen männlicher Eintagsküken getötet.
Den Masthähnchen ergeht es nicht besser. Sie werden auf schnelle Gewichtszunahme und ein enormes Brustmuskelwachstum hin gezüchtet. In der Folge können sich die Tiere am Ende der nur ca. einmonatigen Mastzeit kaum noch auf den Beinen halten.

Tierzucht auf dem Prüfstand

Die Praktiken der modernen Tierzucht – die einseitige Fokussierung auf Leistung und Profit – werden bereits seit längerem kritisiert. Die Schweisfurth Stiftung setzt sich deshalb gemeinsam mit der Renate Benthlin-Stiftung für Nutztierschutz und der Ökologischen Tierzucht gGmbH für eine Tierzucht ein, bei der das Tierwohl wieder eine zentrale Stellung einnimmt. Dazu luden sie im September 2015 zum ersten Runden Tisch Ökologische Hühnerzucht in die GLS Bank in Frankfurt a. Main. Erzeuger, Züchter, Händler und weitere Engagierte diskutierten intensiv die Potenziale und Herausforderungen der ökologischen Hühnerzucht und waren sich einig: „Nur gemeinsam kommen wir weiter“.

Gemeinsam für mehr Tierwohl

Dabei stellten sich ganz konkrete Fragen auch nach Haltung, Fütterung und Produktqualität. Und auch eine Ökotierzucht muss wirtschaftlich sein: Wie lässt sich das Mehr an Tierwohl finanzieren und kommunizieren? Es gibt heute zahlreiche Initiativen, die im Rahmen des Öko-Landbaus an Zweinutzungshühnern arbeiten. Sie benötigen jedoch dringend einer Koordination , damit sie gemeinsam für mehr Tierwohl wirken und ökonomisch tragfähig wirtschaften können. Bei den Landwirten und Züchtern gibt es außerdem Schulungs- und Veränderungsbedarf für das Management der alternativen Züchtungslinien.

Zweiter Runder Tisch

Im April 2016 fand der zweite Runde Tisch zur Öko-Hühnerzucht statt. Fast fünfzig Teilnehmer*innen diskutierten im Rahmen eines Praktikerworkshops ihre Erfahrungen und die Herausforderungen und Potenziale der Zweinutzungszucht. „Die Vielfalt der Betriebe braucht entsprechende Vielfalt in der Zucht: Gesucht wird deshalb nicht eine einzelne Zweinutzungshuhn-Rasse, sondern eine Bandbreite gesunder Tiere auch aus Kreuzungen für die unterschiedlichen betrieblichen Ansprüche“, erläuterte für die Renate Benthlin-Stiftung die Tierärztin Dr. Anita Idel.

Die Pressemeldung zum ersten Runden Tisch (PDF) können Sie hier lesen.
Hier geht’s zur Pressemeldung (PDF) des zweiten Runden Tisches Öko-Hühnerzucht.

Sie möchten gerne Eier von Zweinutzungshühnern kaufen und so aktiv Hühnerleid und Kükentöten vermeiden?
Hier finden Sie Informationen und Bezugsmöglichkeiten:

 

Headerfoto: © Andreas Schoelzel; Dr. Anita Idel mit Vorwerkhühnern

Artgerecht halten – stressfrei schlachten

“Wir verkaufen nur Fleisch von unseren eigenen Tieren. Unser Schlachthof ist nur 5 km entfernt.” Gerne werben kleine Höfe und Hofläden mit diesem Versprechen. Aber auch wenn die Tierhaltung artgerecht ist, lohnt es sich, genauer hinzusehen. Das Leben eines Rindes mag vorbildlich gestaltet sein, die Schlachtung ist es oft nicht – auch nicht, wenn es nur 5 Kilometer bis zum nächsten Schlachthof sind. Häufig bedeutet sie Angst und Stress für das Tier. Die Alternative zur herkömmlichen Tötung im Schlachthof ist der Weideschuss – die stressfreie Schlachtung „aus heiterem Himmel”. Wie das geht, berichtet Agraringenieurin Katrin Juliane Schiffer.

Idyllisches Leben – und dann?
Es ist so ein friedliches Bild: Durch das Fenster des Hofladens sieht man auf der Weide Mutterkühe mit ihren Kälbern im Schatten der Bäume dösen. Auf dem Weg zum Laden fährt man kilometerlang an einer Weidefläche vorbei. Nur hin und wieder mal entdeckt man eine Gruppe fast ausgewachsener Ochsen aus dem Gebüsch auftauchen und zur Tränke schlendern. ”Weidefleisch aus extensiver Freilandhaltung”, steht auf einem Schild an der Hofeinfahrt. Etwas Besseres gibt es doch gar nicht, oder? Nein, eigentlich nicht. Wenn da nicht der Schlachttag wäre.

Tabu-Thema Schlachtung
Viele Landwirte von kleineren Betrieben transportieren ihre Rinder selbst bis zum Schlachthof, andere Landwirte lassen ihre Tiere abholen. Nur wenige jedoch haben beim Schließen des Anhängers das Gefühl, dass das Einfangen und Verladen richtig gut ging. Denn je seltener die auf der Weide artgerecht aufgewachsenen Tiere menschlichen Kontakt hatten, je unbekannter ihnen räumliche Enge ist, umso schwieriger und belastender ist die Prozedur für alle Beteiligten. Was dann nach dem Transport folgt, wollen Tierhalter und Konsumenten meist gar nicht so genau wissen: Die Blackbox Schlachthof. Die wenigsten Tiere werden von ihren Aufzüchtern tatsächlich bis in den Tod begleitet.

Smell of fear
Rinder sind gewohnheitsliebende, sensible Tiere. Besonders ausgeprägt sind ihre „Antennen”, mit denen sie die Angst von Artgenossen wahrnehmen. Gerät ein Rind zum Beispiel durch die Nähe zu fremden Artgenossen oder ungewohnte Geräusche in Stress und weigert sich, in einem der Treibgänge auf dem Weg zur Betäubungsfalle weiter vorwärts zu gehen, sind die nachfolgenden Rinder sofort alarmiert: Da stimmt etwas nicht! Raus hier! „Smell of fear” nennt die Wissenschaft dieses Phänomen, bei der Geruchsbotenstoffe in Speichel, Urin und Schweiß als Übermittler der Angst dienen.

Pionier für stressfreie Schlachtung
“Das Schlachten muss doch auch im gewohnten Umfeld und stressfrei gehen! Das sind wir den Tieren schuldig”, dachte sich bereits vor etlichen Jahren der schwäbische Landwirt Ernst Herrmann Maier. Er begann einen erbitterten Kampf gegen die örtlichen Behörden für die Hofschlachtung seiner Rinder per Gewehrschuss. Diese Auseinandersetzung sollte seinen Hof an den Rand des Ruins treiben, hat aber erheblich dazu beigetragen, dass der deutsche Gesetzgeber später nachgab. Seit 2011 dürfen entgegen einer anders lautenden EU-Regelung Rinder aus Freilandhaltung am Haltungsbetrieb betäubt und getötet und das Fleisch der Tiere vermarktet werden.

Die Kugelschussmethode
Bereits im Vorfeld der gesetzlichen Verankerung begann ich an der Uni Kassel Witzenhausen, u.a. mit Fördermitteln der Schweisfurth Stiftung, ein Forschungsprojekt zur Tötung von Rindern per Kugelschuss. Anfang dieses Jahres schloss ich das Projekt mit der Publikation meiner Doktorarbeit „On-farm slaughter of cattle via gunshot method” (Shaker) ab. Dafür untersuchte ich die Betäubungsqualität durch den Kugelschuss sowie die Fleischqualität so geschlachteter Rinder. Zudem erarbeitete ich Vorschläge für eine sichere Anwendung der Kugelschussmethode in der Praxis. Denn: Das allerwichtigste ist ein ausgezeichneter Schütze. Nur ein Präzisionsschuss in den Kopf, bei dem möglichst das Projektil im Schädel verbleibt und somit größtmögliche Blutungen im Stammhirnbereich auslöst, kann einen plötzlichen Tod aus „heiterem Himmel” gewährleisten.

Die Herde bleibt ruhig
Interessant ist, dass die umstehenden Tiere sich am Zusammenbrechen des Weidekumpels neben ihnen überhaupt nicht stören. Dieser hat keine Gelegenheit, Stresssignale auszusenden und damit die Herdenmitglieder zu beunruhigen. Ein kurzes Zusammenzucken beim Knall, dann folgt überwiegend Desinteresse. Die erhobenen Blutwerte beweisen, was man mit bloßem Auge gesehen hat: Gelassen gehen die restlichen Tiere aus dem Schießpaddock zurück auf die Weide und kommen später arglos für den Abschuss eines weiteren Tieres in den Schießpaddock zurück. Das geschossene Tier wird zur sofortigen Entblutung mit dem Frontlader hochgezogen. Für die Ausweidung und Verarbeitung wird dann also das bereits getötete Tier zum Schlachthof transportiert – ein konsequenter Abschluss artgerechter Nutztierhaltung.

Die Kunden schätzen stressfreies Fleisch
Am Bioland-Hof Bunde Wischen e. V., meinem Partnerbetrieb im Kugelschussprojekt, werden heute alle Rinder per Kugelschussmethode geschlachtet. Zwei Tiere pro Woche, ohne jegliche Angst. Das wissen auch die Kunden zu schätzen: Die Nachfrage nach dem Kugelschuss-Fleisch ist durch das Angebot kaum zu decken. Auch von anderen Betrieben, die die Kugelschussmethode praktizieren, gibt es sehr erfreuliche Rückmeldungen. Ein Modell, das Schule machen könnte: Meine Doktorarbeit ist international von Interesse und trägt hoffentlich dazu bei, auch in anderen Ländern die Einführung der professionellen Kugelschussmethode zu erleichtern.

Zum Weiterlesen:
Katrin Juliane Schiffer: On-farm slaughter of cattle via gunshot method. Shaker Verlag 2015.

Zum Anschauen:
Hier finden Sie ein Video, das die Kugelschuss-Methode anschaulich erklärt.

Die Autorin
Katrin Juliane Schiffer (*1979) aus Quakenbrück, Norddeutschland, ist Agraringenieurin mit mehrjähriger Praxiserfahrung in der ökologischen Landwirtschaft. Nachdem eine christlich geprägte Ehrfurcht vor dem Leben schon früh zum Leitmotiv geworden war, konnte sie ihre Promotion an der Universität Kassel einem Herzenswunsch widmen – dem würdevolleren Umgang mit landwirtschaftlichen Nutztieren, insbesondere am Tag der Schlachtung. Katrin Juliane Schiffer lebt mit ihrer Familie auf einem kleinen Hof in Nordschweden.

Headerbild: © Gerd Kämmer

„Es reicht nicht, Tiere vor Leid zu schützen“

Ein freudvolles, gutes Leben – das wünschen sich nicht nur alle Menschen, sondern auch die Tiere. Deutschland stellt gerne seine Vorreiterrolle in Sachen Tierschutz heraus. Doch wie gut schützen Politik und Gesellschaft tatsächlich unsere Tiere in der Landwirtschaft?
Darüber sprachen wir mit Philipp von Gall, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialwissenschaften des Agrarbereichs an der Universität Hohenheim arbeitet. Von Gall,  geb. 1981, lebt und arbeitet in Berlin und Stuttgart. Seine Dissertation „Tierschutz als Agrarpolitik. Wie das deutsche Tierschutzgesetz der industriellen Tierhaltung den Weg bereitete“, die Professor Franz-Theo Gottwald betreut hat, ist im Januar 2016 im transcript Verlag erschienen.

 

Schweisfurth Stiftung: Herr von Gall, in Ihrer Dissertation beschäftigen Sie sich eingehend mit der Deutschen Tierschutzgesetzgebung. Sie beschreiben darin den Grundkonflikt zwischen den Interessen der Tiere und den des Menschen nach wirtschaftlicher Rentabilität, in den der Staat über die Tierschutzgesetzgebung eingreifen muss. Tut die deutsche Politik genug für den Schutz der landwirtschaftlich gehaltenen Tiere?

P. v. Gall: Um das zu beantworten, müssen wir sagen, was Tierschutz ist. Wenn wir darunter eine basale medizinische Versorgung der Tiere verstehen, hat der Staat zumindest die legislativen Mittel, um einzugreifen. Dann geht es „nur“ um die Umsetzung. Wenn wir dagegen sagen, beim Tierschutz geht es darum, den Tieren die Voraussetzung für ein freudvolles Leben zu ermöglichen und umfassende Interessen der Tiere in Politikentscheidungen zu berücksichtigen, fehlen dem Staat die Mittel, da hält er sich ganz raus.

Im deutschen Tierschutzgesetz heißt es gleich zu Beginn im Grundsatz: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.“ Man sollte meinen, das Gesetz enthält damit alles Wesentliche− mangelt es also nur an der praktischen Umsetzung?

Dieser lapidare Grundsatz sagt noch nichts. Das Wesentliche befindet sich in der Philosophie dahinter. Zum Beispiel in den jeweiligen ethischen Grundsätzen und in der Biologie des Geistes der Tiere, die uns helfen soll, Tierleid treffend zu benennen. Das, was beim Bundestagsbeschluss 1972 als Grundkonzeption des Gesetzes genannt wurde, bleibt vage oder basiert auf einer veralteten Biologie der Tiere. Auch die ethische Rolle der Veterinäre und Nutztierethologen ist bis heute ungeklärt. Auf der einen Seite sollen sie angemessene „Mindestanforderungen“ des Tierschutzes beurteilen. Auf der anderen Seite weiß niemand, auf welcher ethischen Grundlage die Abwägung tierlicher und ökonomischer Interessen ablaufen soll, die dafür ja aber erforderlich ist. Außerdem hat der Umgang mit der Frage, ob wir Wohlbefinden oder Tierleid „messen“ können, eine moralische Dimension: Entscheiden wir uns im Zweifelsfall zugunsten der Tiere oder nicht? Das Agrarministerium ist deshalb überfordert, die Mindestanforderungen in der Landwirtschaft umzusetzen− wobei es das nicht offen sagt. Die wenigen festen Mitarbeiter, die zum Tierschutz arbeiten, befragen für ihre Entscheidungen „Experten“. Doch wer sind diese Experten und was ist für sie „vernünftig“? Die Arbeit des Ministeriums ist vollkommen intransparent. Außerdem reicht es im Fall der Tierhaltung doch nicht, Tiere vor Leid zu schützen. Wenn wir ihnen schon ihre Freiheit nehmen, müssen wir ihnen ein freudvolles, interessantes Leben bieten. Menschen, die mit Hunden zusammenleben, machen das normalerweise automatisch. In der wirtschaftlichen Tierhaltung gibt es dafür keinen Anreiz, denn anders als mit der Gesundheit oder dem Wohl der Tiere lässt sich mit ihrer Freude und wirklichem Abwechslungsreichtum noch kein Geld verdienen.

Sie kritisieren, dass die Interessen der Tiere in Deutschland nicht von der Politik, sondern nur von Nichtregierungsorganisationen vertreten werden. Welchen Veränderungsbedarf sehen Sie hier?

Es muss doch eine staatliche Institution geben, die tierliche Interessen vertritt. Der Staat verlangt ja auch nicht von Ihnen, dass Sie sich auf eigene Kosten darum kümmern, wie ihre Interessen in den öffentlichen Entscheidungsprozess gespeist werden. Es gibt für Sie eine staatliche Interessenvertretung, die beispielsweise Abgeordnete wahrnehmen. Auch Tiere brauchen Abgeordnete. Wer das tun soll, und unter welchen Bedingungen, das muss geregelt werden.

Für eine gesellschaftlich akzeptierte Tierhaltung müsste die Subjektivität der Tiere stärker berücksichtigt werden, schreiben Sie. Was genau meinen Sie damit?

Man kann Tiere behandeln wie Maschinen, und man kann sie behandeln wie lebende Subjekte. Die zweite Variante kann uns zum Beispiel dazu auffordern, sie auch als politische Subjekte mit Ansprüchen und Rechten ernst zu nehmen. Tierschutz lässt sich betreiben wie die Wartung einer Maschine. Einzelne Tiere werden zu biologischen Systemen erklärt, die funktionieren oder nicht. Einiges dieser Vorstellung findet sich auch im Konzept „artgerecht“. Warum sollten Tiere leben, wie ihre Art normalerweise lebt? Warum gestehen wir ihnen nicht eine wunderbare Subjektivität zu, die immer dahin strebt, wo es sich gut leben lässt?

Immer mehr Menschen leben vegetarisch oder vegan, achten zunehmend auf Tierwohl beim Einkauf. Reichen diese individuellen Konsumentscheidungen aus, um tatsächlich etwas im System zu bewegen?

Der Veganismus hat das Potential, einen tierpolitischen Umbruch zu befördern. Allerdings beantwortet er noch nicht die Frage, welche Formen tierlichen Lebens er tatsächlich anstrebt. „Wildnis“ ist sicher keine gute Idee. Wie die Bio-Bewegung riskiert auch der Veganismus, den Fokus weg von der Politik hin zur individuellen Kaufentscheidung zu verlagern. Das schafft enormen Druck und führt zu sozialen und persönlichen Spannungen. Strenge staatliche Regeln können uns von der alltäglichen moralischen Last befreien − wenn sie gut sind.

Was kann der Einzelne tun, um die heutigen Verhältnisse in der landwirtschaftlichen Tierhaltung wirksam und nachhaltig zu verändern?

Das kommt auf die Veränderung an, die er oder sie sich wünscht! In einer Demokratie ist es üblich, sich politisch zu engagieren. Wer nicht versteht, was unsere Tierschutzpolitik ausmacht − ich gehörte sehr lange dazu − sollte beim Agrarminister nachfragen, mit welchen Argumenten er die heutige Tierhaltung rechtfertigt. Wichtig dabei ist, sich nicht mit Fachbegriffen abspeisen zu lassen, sondern eine klare moralische Sprache zu verlangen. Und immer schön nachhaken.

Zum Weiterlesen:

Philipp von Gall (2016): Tierschutz als Agrarpolitik. Wie das deutsche Tierschutzgesetz der industriellen Tierhaltung den Weg bereitete. Transcript, ISBN 978-3-8376-3399-3.

10 Argumente für Bio-Fleisch

Die Mehrzahl der deutschen Konsumenten wünscht sich laut Umfragen mehr Tierwohl für die in der Landwirtschaft gehaltenen Tiere. Viele wären sogar bereit, dafür mehr zu bezahlen. Doch die Verkaufszahlen sprechen eine andere Sprache: Noch immer stammen über 90 Prozent der in Deutschland verzehrten Fleisch- und Wurstwaren aus nicht tiergerechten, industriellen Haltungssystemen. Der Anteil von Bio-Schweinefleisch liegt bei knapp einem Prozent. Auch die Marktanteile von Geflügel- und Rindfleisch aus ökologischer Herkunft fallen kaum ins Gewicht.
Dabei bietet Bio viele Vorteile – nicht nur für die Tiere, sondern auch für Mensch und die Umwelt.

10 Gründe, warum Bio-Fleisch besser ist, finden Sie in unserem Dossier zur Bio-Tierhaltung.

Schlauer als gedacht

Blöde Kuh? Dumme Ziege? Von wegen! Die diesjährigen Preisträger des Forschungspreises der Internationalen Gesellschaft für Nutzierhaltug (IGN) widmen sich vor allem der Frage nach den kognitiven Fähigkeiten von landwirtschaftlich gehaltenen Tieren.

Kluge Paarhufer und optimistische Schweine
Für seine Arbeit zu physikalisch- und  sozial-kognitiven Fähigkeiten von Nutztieren, insbesondere die von Hausschweinen, Zwergziegen und Schafen, erhielt der Verhaltensbiologe Dr. Christian Nawroth 4.000 Euro. Seine Untersuchungen zeigen, dass Nutztiere über komplexe kognitive Fähigkeiten verfügen, um mit ihrer physikalischen und sozialen Umwelt zu interagieren. So nutzen etwa junge Schweine und Zwergziegen gezielt menschliche Gesten, um Futterverstecke zu identifizieren. Eine verbesserte Kenntnis über diese kognitiven Kapazitäten kann helfen, das Wohlbefinden der Tiere entsprechend ihrer Fähigkeiten und Bedürfnisse zu steigern.
Dr. Eimear Murphy erhielt 3.000 Euro für ihre Arbeit „Anwendung kognitiver Ansätze zur Messung von Emotionen bei Schweinen“. In Testreihen wurden die Verhaltensantworten von Minischweinen und Mastschweinen hinsichtlich ihrer Lernfähigkeit und ihrer daraus resultierenden Emotionen miteinander verglichen. Mit Hilfe der Studienergebnisse könnte es in Zukunft leichter möglich sein, emotionale Stimmungslagen bei Schweinen zu erfassen und das Haltungsumfeld so gezielt auf das Tierwohl abzustimmen.

Forschung für die Legehenne
Ebenfalls 3.000 Euro erhielt die Biologin Dr. Ariane Stratmann für ihre 2014 an der Universität Bern verfasste Dissertation zum Thema Brustbeinveränderungen bei Legehennen. Die schmerzhaften Veränderungen und Frakturen am Brustbein von Legehennen sind in der konventionellen Haltung keine Seltenheit. Ziel der Arbeit war es, die Ursachen für Brustbeinveränderungen bei Legehennen zu untersuchen und Lösungsansätze zu entwickeln, um deren Häufigkeit zu reduzieren. Dabei lag der Fokus auf dem Design des Volierensystems und Sitzstangenmaterials, der genetischen Selektion sowie auf der Anwendbarkeit der Ergebnisse in der Praxis. Die Studie ist ein wichtiger Beitrag zur tiergerechten Gestaltung von alternativen Haltungssystemen für Legehennen und ermöglicht es, die Haltung von Legehennen in Volierensystemen deutlich zu optimieren.

Mehr zum Preis
Die Internationale Gesellschaft für Nutztierhaltung fördert auf wissenschaftlicher Grundlage die tiergerechte Zucht, Haltung, Ernährung und Behandlung von Tieren in der Landwirtschaft. Zum 13. Mal ehrte die IGN im November Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich in ihren Forschungsarbeiten mit der artgerechten Haltung von Nutztieren auseinandersetzen. Der  Forschungspreis  wird  jährlich  ausgeschrieben und ist mit insgesamt 10.000 Euro dotiert.  Die  nächste  Ausschreibung  beginnt  im  November 2015 und endet am 1. April 2016. Die Jury besteht aus Fachleuten der Veterinärmedizin, Verhaltenskunde, Agrarwissenschaften, Recht und Philosophie aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

 

Tierschutz auf dem Teller

Wir lassen den Tierschutz nicht unter den Tisch fallen. Für uns findet er nämlich auch auf dem Tisch beziehungsweise auf dem Teller statt: Die Schweisfurth Stiftung vergibt eine Tierschutzkochmütze − an Köche, denen sowohl das leibliche Wohl der Gäste als auch das Wohlergehen der Tiere am Herzen liegt.

Wo kommt das Schnitzel eigentlich her, das auf dem Teller landet? Der Milchschaum auf dem Cappuccino? Die Wurst, der Käse, das Ei am Frühstücksbuffet? Zuhause entscheidet jeder selbst, was auf den Teller kommt. Doch auch in der Kantine, in der Mensa, beim Restaurantbesuch, auf Reisen oder Tagungen stellen sich immer mehr Menschen die Fragen: „Was esse ich da? Wo kommen die Speisen her?“
Bei tierischen Produkten ist die artgerechte Haltung wichtig. Zum Beispiel, dass das Schwein Heu hat zum Wühlen, das Huhn Sand zum Scharren.

Wir finden: Profi-Köche können mehr, als nur Speisen zubereiten.

Kochen für andere ist Passion, Kunst, Herausforderung − und Verantwortung.
Deshalb zeichnet die Schweisfurth Stiftung Restaurants, Hotels, Kantinen und Tagungshäuser aus, die

  • mindestens 60 Prozent aller Produkte tierischer Herkunft aus zertifizierter, ökologischer Produktion beziehen
  • vegetarische & vegane Alternativen anbieten
  • auf tierquälerisch erzeugte Delikatessen verzichten.

Die von uns zertifizierten Preisträger tragen den Tierschutzgedanken in die kulinarische Welt hinaus. Der Gast profitiert davon in jeder Hinsicht: Höchste Qualität, bunte Vielfalt, bester Geschmack − Genuss mit gutem Gewissen.

Übrigens: Unser Projekt Tierschutz auf dem Teller wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem durch den Rat für Nachhaltige Entwicklung und von dm Drogeriemarkt und der UNESCO im Rahmen von Ideen – Initiative – Zukunft.

Sie sind Gastronom und möchten sich gerne bewerben? Sie sind Gast und möchten uns eine tierfreundliche Küche weiterempfehlen oder bei einem unserer Preisträger tierisch gut tafeln? Besuchen Sie uns auf www.tierschutz-auf-dem-teller.de

 

Kurz-gut

Projektname: Tierschutz auf dem Teller
Startschuss:
2005
Status:
läuft
Wirkungskreis:
regional
Zielgruppe:
Verbraucher, Gastronomen, Tagungshäuser, Hoteliers, Kliniken, Mensen, Großküchen
Maßnahme:
Zertifizierung und Auszeichnung von ausgewählten Küchen mit einer Tierschutz- Kochmütze
Leitung / Ansprechpartner/in:
Isabel Boergen, Schweisfurth Stiftung
Mehr unter:
tierschutz-auf-dem-teller.de

 

„Das Töten wird moralisch ausgelagert“

Fast 60 Milliarden landwirtschaftlich gehaltene Tiere bevölkern unsere Erde. Sie dienen dem Menschen als Eier-, Milch- und Fleischlieferanten. Die überwiegende Mehrheit dieser Hühner, Rinder und Schweine lebt nicht auf grünen Wiesen, sondern fernab ihres natürlichen Lebensraums, fernab von Licht und Luft – und fernab des Menschen. Die industrielle Tierhaltung findet weit weg vom Verbraucher statt. Und die sind dankbar, von den realen Bedingungen der Schnitzelproduktion nicht allzu viel mitzubekommen. Kein Wunder also, dass wir manche Tiere als Freunde und andere nur als Gerichte wahrnehmen.

Verantwortung übernehmen

Die Tatsache, dass die Verbraucher vieles nicht wissen wollen, entbindet sie aber nicht ihrer Verantwortung. Und selbst, wer auf die Herkunft seiner Lebensmittel tierischen Ursprungs achtet, wer sich informiert und bewusst lebt, nimmt den Tod eines Lebewesens in Kauf – auch, wenn er den Akt des Tötens moralisch auslagert.

Die große Frage also bleibt: Darf der Mensch Tiere töten?

Bionachrichten

 

Und: Lässt sich Töten überhaupt vermeiden? Antworten auf diese und andere spannende Fragen sucht bionachrichten-Redakteurin Ronja Zöls im Interview mit Stiftungsmitarbeiterin Isabel Boergen.

Zu lesen hier (PDF) oder im aktuellen Oktober-Heft der Bionachrichten zum Schwerpunktthema Tierwohl.

 

 

Interview Boergen United Creatures

 

Was sich ganz konkret in Sachen Tierschutz in der Landwirtschaft ändern muss, und welche spezifischen Tierwohl-Probleme in der Schweinehaltung auf den Prüfstand müssen, erklärt Isabel Boergen Anfang Februar 2016 im Interview mit Michael Hartl von der österreichischen Initiative United Creatures. Das Interview ist der Auftakt einer Artikelserie zu den drängendsten Fragen landwirtschaftlicher Tierhaltung.
>> Online lesen
 

 

 

Züchten mit Zukunft

Die moderne Tierzucht findet heute weniger im Stall statt als im Reagenzglas. Rinder, Schweine, Puten und Hühner sind genormt, perfekt auf die Ansprüche der Menschen angepasst. Aber was ist eigentlich mit den Ansprüchen der Tiere?

Immer mehr, immer schneller − Mensch und Tier können dem Druck des industriellen Agrarsystems kaum noch standhalten.

Folgenreicher Fokus auf Ertrag

Das moderne Industrieschwein hat einen besonders hohen Anteil an magerem Fleisch, braucht weniger Futter und wächst trotzdem schneller als die bäuerlichen Rassen vor einigen Jahrzehnten. Legehennen legen statt den naturgemäßen 50 Eiern an die 300 Eier pro Jahr. Milchkühe geben jährlich unvorstellbare 16.000 Liter Milch − werden aber bereits nach drei bis vier Jahren geschlachtet, weil die Milchleistung nachlässt.
Die Hochleistungszucht bleibt nicht ohne Folgen: Die Tiere leiden unter unerwünschten Nebenwirkungen, sind anfälliger für Stress und bestimmte Krankheiten. Als Konsequenz steigen die Tierarztkosten, werden häufiger Medikamente wie Antibiotika verschrieben. Es geht um Produktionszeit statt um Lebenszeit.

Gut, dass es erfolgreiche Alternativen gibt.

Dass es auch anders geht, zeigt der Tierzuchtfonds. Diese gemeinsame Initiative der Schweisfurth Stiftung, des Deutschen Tierschutzbundes und der Zukunftsstiftung Landwirtschaft hat sich der artgemäßen Zucht der in der Landwirtschaft gehaltenen Tiere verschrieben. Das bedeutet: Statt Tiere einTier Zuch Fonds Logoseitig auf Hochleistung zu selektieren, wird bei den Projekten des Tierzuchtfonds vor allen Dingen auf Gesundheit, Widerstandsfähigkeit, Langlebigkeit und den Erhalt bedrohter Nutztierrassen geachtet. Denn die bäuerliche Zucht hat in den vergangenen Jahrhunderten eine große Vielfalt an Tierrassen hervorgebracht. Sie sind eben gerade nicht genormt, sondern unterscheiden sich im Hinblick auf ihre Statur, ihre Ansprüche, ihre Eignung. So entstanden Rinderrassen, die bestens mit feuchtem Klima, felsigen Hängen oder moorigen Böden auskommen; Hühner, die sowohl Eier legen als auch Fleisch ansetzen; Schweine, die besonders gute Muttereigenschaften haben oder solche, die den Großteil des Jahres problemlos im Freien leben können.

Vielfalt erhalten

Gerade im Kontext der fortschreitenden Klimaerwärmung spielt genetische Vielfalt eine besondere Rolle bei der Anpassung an die veränderten Umweltbedingungen. Deshalb arbeitet der Tierzuchtfonds daran, dass Tiere an lokale Gegebenheiten bestens angepasst sind. Die Projekte des Tierzuchtfonds bringen die Stiere wieder auf die Bauernhöfe, lassen männliche Geschwisterküken leben und sorgen dafür, dass die vielfältigen alten Haustierrassen überleben − um nur einige Beispiele zu nennen.

Schirmherrin der Initiative ist Spitzenköchin Sarah Wiener.

 

Kurz-gut

Projektname: Tierzuchtfonds
Startschuss: 2004
Status:
läuft
Wirkungskreis:
regional
Zielgruppe:
Verbraucher, Züchter, Landwirte, Tierschutzorganisationen
Maßnahme:
Trägerschaft
Leitung / Ansprechpartner/in: Dr. Katharina Reuter und Oliver Willing, Zukunftsstiftung Landwirtschaft
Mehr unter: tierzuchtfonds.de

 

Alleskönner

Tiere sind vielseitige Lebewesen. Auch die meisten der landwirtschaftlich genutzten Tiere sind wahre Alleskönner − wenn man sie ließe.

Doch der Alltag der Nutztierhaltung sieht anders aus. Rinder wurden durch gezielte Selektion zu reinen Milch- und Fleischrassen; Legehennen können nichts außer Eierlegen, Masthähnchen legen in kürzester Zeit enorm an Gewicht zu. Diese enge Spezialisierung wird zunehmend zu einem Problem.

Ethische Tragödie

So werden die männlichen Nachkommen von Legehennen ebenso wie die männlichen Kälber der Milchrassen und auch die Böcke bei den Ziegen einfach entsorgt. Die Tötung männlicher Tiere, die weder zur Milch- oder Eierproduktion noch zur Mast taugen, ist Verschwendung und ethische Tragödie zugleich. Denn Rinder können viel mehr als Milch geben. Sie liefern auch Fleisch, Leder und Fette. Und sie können dabei vorwiegend von Gras und Heu leben − ohne Nahrungskonkurrenten zum Menschen zu sein. Die traditionell bäuerlichen Hühnerrassen können beides: Eier legen und Fleisch ansetzen. Deshalb spricht man vom Zweinutzungshuhn. Es erfreut sich im Gegensatz zum hochgezüchteten Industriehuhn auch bei Freilandhaltung bester Gesundheit.

Mission artgemäße Hühnerzucht

Die Schweisfurth Stiftung betreut das Projekt Zweinutzungstiere, das von der Renate Benthlin-Stiftung für Nutztierschutz gefördert wird. Hier wird mit Experten daran gearbeitet, eine artgemäße Hühnerzucht zu etablieren, die kein millionenfaches Töten männlicher Eintagsküken in der Eierproduktion zur Folge hat. Ebenso wird an alternativen Haltungsformen geforscht. Projektleiterin Dr. Anita Idel versammelt Experten rund um das Thema, etwa im Netzwerk artgemäße Hühnerzucht. So bekommen die Aktivitäten rund um eine tiergerechte Zucht und Haltung landwirtschaftlich genutzter Tiere eine größere Durchschlagskraft.

 

Kurz-gut

Projektname: Netzwerk artgemäße Hühnerzucht
Startschuss: 2012
Status:
läuft
Wirkungskreis:
regional
Zielgruppe:
Verbraucher, Züchter, Landwirte, Tierschutzorganisationen
Maßnahme:
Forschungsbegleitung, Koordination, Durchführung eines Runden Tisches zur Öko-Geflügelzucht, Pressearbeit
Leitung / Ansprechpartner/in: Dr. Anita Idel