Umwelt- und entwicklungspolitische Dachverbände fordern Nachhaltigkeit als Leitbild der EU

In einer gemeinsamen Erklärung fordern der Umweltdachverband Deutscher Naturschutzring (DNR), der entwicklungspolitische Dachverband für Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe (VENRO) und weitere zivilgesellschaftliche Organisationen, dass die UN-Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 zum zentralen Leitbild der europäischen Politik gemacht werden müssten. Nur so könnten die EU-Mitgliedstaaten eine gemeinsame Vision für die Zukunft der Menschen in Europa finden. Die Schweisfurth Stiftung unterstützt die Forderung.
Die ausformulierte Erklärung finden Sie hier:
http://www.dnr.de/downloads/europa-erklaerung-dnr-venro.pdf

Als Dachverband koordiniert der Deutsche Naturschutzring (DNR) heute 91 Mitgliedsorganisationen, die im Natur-, Tier- und Umweltschutz wirken.
1995 gegründet hat VENRO (Verband Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe deutscher Nichtregierungsorganisationen e.V.) als Dachverband der entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisationen (NRO) in Deutschland inzwischen 124 Mitgliedsorganisationen. Sie kommen aus der privaten und kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit, der Humanitären Hilfe sowie der entwicklungspolitischen Bildungs-, Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit.

 

Welternährungstag: Agenda zur Bekämpfung des Hungers

Weltweit hungern nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) rund 800 Millionen Menschen; jeder dritte Mensch leidet an Unter- bzw. Fehlernährung. Andererseits werden jährlich nach Schätzungen der Vereinten Nationen (VN) circa ein Drittel aller Lebensmittel weggeworfen. Matthias Middendorf, Mitarbeiter der Schweisfurth Stiftung, macht sich anlässlich des Welternährungstages Gedanken über die Ursachen und die Folgen des Hungers.

Mission Ernährung

Die FAO wurde am 16. Oktober 1945 als erste internationale Organisation noch vor den VN gegründet und feiert heute ihr 70-jähriges Jubiläum. Ihr Ziel ist es, den Hunger weltweit zu bekämpfen und den Lebensstandard vor allem der Menschen in ländlichen Gebieten zu verbessern. Deshalb steht der diesjährige Welternährungstag unter dem Motto „Sozialer Schutz und Landwirtschaft – den Kreislauf von bäuerlicher Armut durchbrechen“. Unter der Teilnahme des UN-Generalsekretärs Ban Ki-Moo werden die offiziellen Feierlichkeiten auf dem Gelände der Expo 2015 in Mailand veranstaltet, denn die diesjährige Weltausstellung steht unter dem Leitspruch „Den Planeten ernähren, Energie für das Leben“. Seine Eindrücke und Gedanken zur Expo hat unser Vorstand Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald nach einem Besuch der Ausstellung im Juli zusammengefasst.

Große Herausforderungen – kleine Erfolge?

Seit nunmehr sieben Jahrzehnten bietet die FAO ein Forum für Landwirtschafts-, Fischerei- und Ernährungsfragen, berät nationale Regierungen in agrarpolitischen Fragen und erarbeitet Strategien zur Ernährungssicherung und Armutsbekämpfung. Eine Mammutaufgabe angesichts der riesigen Zahl an Hungernden. Zwar lassen sich Erfolge erkennen: In den vergangenen 25 Jahren konnte auch dank des Engagements der FAO die Zahl der Hungernden in der Welt von über einer Milliarde auf rund 800 Millionen gesenkt werden. Das eigentliche Ziel, die Anzahl auf 500 Millionen zu senken, wurde jedoch verfehlt. Aktuell steht die Sonderorganisation vor mehreren Herausforderungen: Patentstreitigkeiten, prekäre politische Verhältnisse, militärische Auseinandersetzungen und wachsende Ungleichheiten zwischen ländlich geprägten und industrialisierten Regionen verschärfen die Not vieler Menschen.

Gründe für den Hunger

Die Verringerung der Anzahl hungernder Menschen ist somit nur ein Teilerfolg. Denn die Gründe für den Welthunger sind vielfältig und vielschichtig: Politische Rahmenbedingungen, globale Verteilungsfragen, das fehlende oder verlorengegangene Wissen über regional angepasste Produktionsmethoden und unzureichende Infrastruktur in vielen Teilen der Welt.
Der aktuelle Welthunger-Index stellt zudem einen engen Zusammenhang zwischen bewaffneten Konflikten und dem globalen Hunger dar. Die meisten Auseinandersetzungen und deren Folgewirkungen wie Flucht und Vertreibung sind die Ursache für Hungersnöte oder akuten Hunger. Aktuell sind über 172 Millionen Menschen von bewaffneten Konflikten betroffen, deren Auswirkungen zum Teil noch durch Naturkatastrophen oder die internationale Politik verschärft werden.

Hunger nach Fleisch

Zudem führt der globale Anstieg des Fleischkonsums dazu, dass beim Kampf um knappe Anbauflächen Futtermittel und Grundnahrungsmittel zunehmend in Konkurrenz zueinander treten. Das trifft die Menschen in ländlichen Gebieten besonders hart. Ihnen bleibt schlicht nicht genug Anbaufläche, um sich und ihre Familien zu ernähren. Um diese Ursachen langfristig zu bekämpfen, braucht es Investitionen in eine bäuerliche, lokal ausgerichtete Landwirtschaft. Diese Landwirtschaft ist umweltverträglich, sozial und zugleich wirtschaftlich rentabel. Sie bezieht die komplette Wertschöpfungskette mit ein — vom Acker bis zum Teller. Denn die ausreichende Versorgung der Menschen mit Nahrung ist eine Grundvoraussetzung für jede gesellschaftliche Entwicklung.

Entwicklungsziele – Neuer Versuch

Dieser Zusammenhang wurde auch Ende September in der Verabschiedung der Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung aufgegriffen. Die Neuausarbeitung der Sustainable Development Goals (SDGs) war notwendig, da die im Jahr 2000 verabschiedeten Millenniums-Entwicklungsziele (MDGs) auslaufen, obwohl längst nicht alle Ziele erreicht worden sind. Die neuen SDGs sind ambitionierter formuliert, da sie auf einem ganzheitlichen Ansatz beruhen. Sie gelten nicht nur für die Entwicklungsländer, sondern für alle Staaten und vereinen ökologische, wirtschaftliche und soziale Ziele. Das Ergebnis eines zweijährigen Konsultationsprozesses sind 17 Ziele und 169 Unterziele, die für eine nachhaltige Entwicklung stehen.

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Die Ziele, beispielsweise die vollständige Überwindung von Hunger, bei gleichzeitiger Halbierung der Lebensmittelverluste, sollen bis 2030 erreicht werden. Die jeweiligen Länder können Schwerpunktthemen setzen — bindend sind diese Bestrebungen aber nicht. Die SDGs zeigen gebündelt den notwendigen Handlungs- und Veränderungsbedarf auf regionaler, nationaler und globaler Ebene. Deutschland möchte bereits 2016 im Rahmen der Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie über den Umsetzungsstand der SDGs berichten. Die Umsetzung aller Ziele ist somit von Beginn an kritisch zu begleiten.

Global denken, lokal essen
Jeder kann durch seinen Lebensstil das Ausmaß des Hungers reduzieren. Wer auf importierte und transport- wie lagerintensive Lebensmittel verzichtet, und auf Siegel wie fairen Handel achtet, ernährt sich frischer und schont die Umwelt. Eine gute Einkaufshilfe ist zum Beispiel der Utopia Saisonkalender.

Weiterlesen
Peter Cornelius Mayer-Tasch (Hg.): Der Hunger der Welt. Ein fatales Politikum. Campus, Frankfurt a.M. 2011. In ihrem Beitrag „Wer wird die Welt ernähren? Nachhaltige Landwirtschaft als Chance“ zeigen Franz-Theo Gottwald und Isabel Boergen konkrete Lösungsansätze zur komplexen Thematik.

Hinschauen
Der soeben in Deutschland angelaufene Dokumentarfilm „Landraub“ zeigt die Konsequenzen von globalen Spekulationen um Ackerland. Dabei lässt der Film sowohl Bauern wie auch Investoren zu Wort kommen, statt einfach nur anzuprangern. Hier geht’s zum Trailer des Films.

Headerfoto: Aus dem Film Landraub. „Äthiopien: Kleinbauern bei der Ernte“, © movienet

 

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel erschien anlässlich des Welternährungstages 2015.