Tierwohl

In-Ovo Sexing bei Hühnern

Seit Jahrzehnten werden Hennen auf Hochleistung gezüchtet und legen inzwischen über 300 Eier pro Jahr. In der Folge wurden ihre Brüder ökonomisch uninteressant, da sie nur langsam und wenig Fleisch ansetzen. Deshalb werden die männlichen Küken der sogenannten Legelinien unmittelbar nach dem Schlupf identifiziert und getötet. Ob manuell nach dem Schlupf oder technisch im Ei:  Die Geschlechtsbestimmung von Hühnern zum Zwecke des Ausmerzens ist ethisch nicht vertretbar, schreibt Dr. med. vet. Anita Idel in ihrem Gastbeitrag für die Schweisfurth Stiftung:

Das Ausmaß des Tötens männlicher Küken am ersten Lebenstag als sogenannte Eintagsküken ist grauenhaft: allein in Deutschland sind es jährlich bis zu 50 Millionen und in der EU über 300 Millionen. Dennoch erschienen diese Fakten fast allen, die darum wussten, je nach Standpunkt entweder so aussichtslos oder so folgerichtig, dass lange Zeit nichts dagegen geschah.

Zwei Seiten derselben Medaille: Hochleistung der Hennen und geringer Fleischansatz ihrer Brüder

Umso wichtiger ist, nicht zu vergessen, dass diese Entwicklung keineswegs zufällig sondern zwangsläufig ist. Denn seit Jahrzehnten wird mit sogenannten Legelinien einseitig auf die Produktion von Eiern selektiert. Das bedeutet: Je nachdem ob Eier oder Fleisch von Hühnern erzeugt werden soll, werden völlig unterschiedliche Tiere gezüchtet. Nur in einem Nischenbereich – beim sogenannten Zweinutzungshuhn   – ist das Masthähnchen tatsächlich der Bruder der Legehenne.
Immer wenn das Zuchtziel allein auf die Leistung des weiblichen Tieres fokussiert ist, gerät die Leistung des männlichen Tieres – das Fleischansatzvermögen – zuchtbedingt ins Hintertreffen. Denn egal, ob die Zucht auf die Milchleistung von Rindern, Schafen, Ziegen und Wasserbüffeln oder auf die Eileistung von Hühnern zielt: Der Zuchterfolg wird daran festgemacht, dass die Energie des Futters vorrangig Richtung Euter bzw. Eileiter transportiert wird, so dass Muskelgewebe zwangsläufig weniger versorgt wird. Je langsamer die männlichen Tiere wachsen, desto mehr Futter benötigen sie. Weil diese naturwidrige Entwicklung am weitesten bei Hühnern, bei denen das Zuchtziel auf der Legeleistung liegt, vorangetrieben worden ist, gelten Hähne ökonomisch als wertlos.

Nicht legal – und doch Routine

Ob Tierärzte in der Administration oder Vorstände von Tierschutzorganisationen – wiederum je nach Standpunkt ließen Desinteresse oder Resignation seit Jahrzehnten zu, dass die männlichen Eintagsküken vergast oder geschreddert werden. Und das obwohl das Tierschutzgesetz für das Töten von Tieren einen vernünftigen Grund fordert. So erwies sich diese jahrzehntelange Routine quasi als Gewohnheitsrecht, als in jüngerer Zeit – endlich – Gerichte bemüht wurden.

Denn im Streit um das millionenfache Töten der männlichen Küken formulierte das Oberverwaltungsgericht Münster einen Konflikt zwischen einer funktionierenden Ernährungswirtschaft und der Ethik. Im Sinne der ersteren gestand es den klagenden Kükenbrütereien einen vernünftigen Grund zu töten zu. Das Gericht könne bei seiner Entscheidung nicht berücksichtigen, ob es in der Sache einen gesellschaftlichen Wandel beim Tierschutz gebe. Demnach ist der Ernährungsindustrie der selbst verursachte sinkende ökonomische Nutzen nicht zuzumuten.

Nur vermeintliche Lösung

Seit sich in der Öffentlichkeit Protest gegen das Hähnchentöten mehrt, investieren Industrie und Staat erhebliche Summen in die Entwicklung technischer Identifikationsmethoden im Ei: Nach der Devise „weiter so“ sollen die Hennen unvermindert auf Hochleistung gezüchtet werden, während die Hähnchen durch die In-Ovo-Bestimmung bereits so früh erkannt werden sollen, dass sie noch vor dem Schlupf eliminiert werden können.
Das ethische Problem läge im technischen Erfolg: Eine Technik, die mit dem Ziel eingesetzt wird, eines der beiden Geschlechter – und damit die Hälfte der Tiere – erst gar nicht entstehen zu lassen, ist ethisch abzulehnen.
Dennoch reichte die Rat- und Hilflosigkeit angesichts der auch in der Zucht extrem entwickelten Geflügelindustrie und der Bilder zu meuchelnder /  gemeuchelter flauschiger Eintagsküken so weit, dass auch Tierschutzbeauftragte und Tierschutzorganisationen die Entwicklung dieser Technik befürwortet haben.

Nebenschauplatz technisches Funktionieren

Die In-Ovo-Bestimmung ist keine Lösung. Deshalb erübrigt sich die Diskussion um den Stand der Technik. Denn ob Chromosomen- oder Hormonbestimmung oder spektroskopische Untersuchung wie die Raman-Spektroskopie: Es geht nicht darum, ob das Geschlecht am 17. Bruttag oder nach Investition weiterer Millionen bereits am 10. oder nun vielleicht bereits am 5. Bruttag bestimmt werden kann. Denn das Ziel bleibt das gleiche wie seit Jahrzehnten: die Eliminierung der männlichen Küken von Legelinien! Wer argumentiert, das Leid der männliche Küken würde durch die In-Ovo-Bestimmung verringert, hat die Hennen aus dem Blick verloren. Deren zuchtbedingte Eileiterentzündungen gelten inzwischen als Berufskrankheit, derweil die verbreiteten Brustbeinbrüche der Junghennen erst vereinzelt wahrgenommen werden.

Ethisch wünschenswert: Zweinutzungshühner

Die Ursache der mangelnden ökonomischen Wertigkeit der Hähnchen liegt in der artwidrigen Selektion auf Höchstleistung ihrer Schwestern.
Im Jahr 2016 mehren sich nun endlich entsprechende Verlautbarungen und fordern die Zucht von Zweinutzungshühnern. Ob Huhn, Schwein oder Rind: Wir brauchen – und sind es ihnen schuldig – die Züchtung gesunder und freilandtauglicher Tiere!
In diesem Sinne engagiert sich die Ökologische Tierzucht gGmbH  und erhielt für ihre Zuchtarbeit mit Hühnern für die ökologische Landwirtschaft im Jahr 2016 einen Sonderpreis Innovation im Rahmen der Lammsbräu Nachhaltigkeitspreise.

Zum Weiterlesen:

Laudatio von Dr. med. vet. Anita Idel im Rahmen des 15. Lammsbräu-Nachhaltigkeitspreis 2016 für den Sonderpreis „Innovation“: Ökologische Tierzucht gGmbH: Laudatio als PDF

Projekt Tierzuchtfonds

Projekt Netzwerk artgemäße Hühnerzucht

 

Zur Autorin:

Dr. med. vet. Anita Idel ist Tierärtzin und war von 2005 bis 2008 Lead-Autorin des Weltagrarberichtes (IAASTD). Sie ist Mitbegründerin der Arbeitsgemeinschaft Kritische Tiermedizin (1983), des Gen-ethischen Netzwerks (1986), der Gesellschaft für Ökologische Tierhaltung (1991). Seit 1986 hat sie einen Lehrauftrag an der Universität Kassel inne. 2010 erschien ihr Buch „Die Kuh ist kein Klima-Killer! Wie die Agrarindustrie die Erde verwüstet und was wir dagegen tun können“ in der Buchreihe Agrarkultur im 21. Jahrhundert, herausgegeben von der Schweisfurth Stiftung im Metropolis-Verlag Marburg. Als Mediatorin ist Anita Idel in den Spannungsfeldern Ökonomie und Tierschutz sowie Landwirtschaft und Naturschutz tätig.

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